Nun ist die erste Krise da, und die 16 000 Mitarbeiter von Google müssen beweisen, dass das, was sie den lieben langen Tag in ihren Büroparallelwelten auf weiße Tafeln kritzeln, auch das Geschäftsmodell von Google nach vorn bringt. Das erst zehn Jahre alte, verspielte Riesenkind Google mit 150 Milliarden Dollar Börsenwert muss erwachsen werden, aber es mag noch nicht so recht. Peter Pan bleibt lieber in seinem Nimmerland.
Das Forschungszentrum in Zürich scheint ein perfektes Beispiel dafür zu sein – ein „Neverland“ für Software-Freaks. Schon in der Lobby laden Flipperautomaten zur Kurzweil ein. Drinnen dienen alte Seilbahngondeln, verziert mit Herzchen-Gardinen, als Besprechungskabinen. Ein Hund liegt vor einem Glasbüro und blinzelt in die Sonne. Aus dem ersten Stock führt eine Rutsche in die Kantine. Die heißt „Milliways“, so wie das „Restaurant am Ende des Universums“ aus dem kultig-kreativ-wirren Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ des Briten Douglas Adams. Vieles hier ist so quietschbunt, als wären bei Google gerade die Teletubbies explodiert.
Wenn es nach Nelson Mattos geht, wird Google so kultig, kreativ und wirr bleiben. Der gebürtige Brasilianer mit dem schwarzen Kraushaar ist „Vice President Engineering“. 15 Jahre forschte er bei IBM, davor lehrte er mal an der Universität Kaiserslautern. Nun ist Mattos „Lead“ in Zürich, Primus inter Pares in einer Truppe handverlesener Software-Ingenieure. Einen Steinwurf von der Eidgenössischen Technischen Hochschule entfernt leitet der 49-Jährige den größten Ableger von Google außerhalb der USA.
Für Mattos haben die Billardtische, der Wellness-Bereich, der Ruheraum samt Aquarien und die Videospielkonsolen nur einen Zweck: Innovationen zu fördern und so die Dominanz von Google zu sichern.
Dafür arbeiten die „Zoogler“, die Züricher Googler, von morgens früh bis spät in der Nacht. Sie feilen an Web-Technologien, die bald Millionen weltweit nutzen sollen. Im Hürlimann Areal, wo früher Bier gebraut wurde, entstehen nun Algorithmen für die beliebteste Suchmaschine der Welt, neue Kniffe für Google-Maps oder Google-Mail – auf dass die „Googleware“ wachse und gedeihe.
So nennen Ralf Kaumanns und Veit Siegenheim in ihrem Buch „Die Google-Ökonomie“ den Mix aus Hard- und Software, die es Google ermöglicht, aus acht Milliarden Webseiten in 0,2 Sekunden eine Trefferliste zu erstellen. In 0,05 Sekunden werden bis zu 700 von weltweit über 400 000 Google-Servern abgefragt. Hinzu kommt ein ausgefeiltes System für Platzierung und Auswertung von Online-Suchwortwerbung. Google-Produktchefin Marissa Mayer nennt das alles die „geheime Soße“, die Google so erfolgreich macht.
Jürgen Galler ist einer der Köche, die an dieser Soße mitkochen. „Du musst dir hier deinen Job in großen Teilen schon selbst erarbeiten“, sagt der 41-Jährige aus Südtirol. Er hat in Tokio gelebt, in Spanien und in Gütersloh. Als Google ihn ansprach, war er gerade selbstständig. Er flog ins „Googleplex“, die Zentrale in Mountain View, Kalifornien – und ließ sich von der Unternehmenskultur gefangen nehmen. Ihn fasziniere die Freiheit, sagt Galler, die er bei allem Leistungsdruck trotzdem habe. 20 Prozent der Arbeitszeit darf ein Googler für eigene Projekte nutzen.
So entstand etwa der Nachrichtendienst „Google News“. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 fand es ein Googler zu mühsam, alle Nachrichten im Web manuell zusammenzusuchen. Für sich selbst schuf er eine Software, die heute Tag für Tag weltweit Millionen nutzen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Geheimzutaten der "Google-Soße"

