Für den entscheidenden Durchbruch sorgte im vergangenen Jahr die Echtzeitfähigkeit. Das bedeutet, dass ein System jederzeit innerhalb eines vorher festgelegten Zeitintervalls auf ein unvorhergesehenes Ereignis reagiert. "Das konnte bisher mit Linux nur sehr schwer abgebildet werden. Inzwischen jedoch haben wir diese Hürde genommen", sagt Emde. Daher könne heute auch eine Kreissäge, deren Sägeblatt stehen bleiben muss, sobald eine Lichtschranke durchbrochen wird, mit Linux gesteuert werden.
Allerdings muss Linux noch eine weitere Hürde nehmen, um den Markt wirklich dominieren zu können: In Branchen, die ihre Anlagen wegen der Betriebssicherheit zertifizieren lassen müssen, ist das quelloffene Betriebssystem noch wenig verbreitet. Das ist beispielsweise bei Bahn- oder Automobiltechnik der Fall oder bei eben jener Kreissäge.
"Bislang muss jeder Hersteller seine Produkte einzeln zertifizieren lassen - ein aufwändiger Prozess", berichtet Emde. Seine OSADL-Initiative, der Firmen wie Trumpf, Heidelberger Druck angehören, hat deshalb Dokumente für die Zertifizierung erarbeitet, auf die alle Mitgliedsunternehmen zugreifen können. Der Linux-Kern sei schließlich immer gleich, die Hersteller müssten ihn also nur noch ergänzen. Emdes Hoffnung: "Wenn die Behörden immer wieder die gleichen Papiere vorgelegt bekommen, werden sie die Zertifizierung erleichtern."
Im Linux-Vormarsch sieht er einen doppelten Paradigmenwechsel: Zum einen kümmern sich die Maschinenbauer wieder selbst um ihre Betriebssysteme, kochen dabei aber nicht mehr das eigene Süppchen, sondern bauen auf Standards auf. Zum anderen machen sie ihre Software frei zugänglich. "Das wäre früher undenkbar gewesen. Das war ein wohl gehütetes Betriebsgeheimnis", sagt Emde. Inzwischen hätten die Unternehmen aber erkannt, dass sie Basistechnologien gemeinsam entwickeln müssen, damit sie überleben können.

