Thomas Knüwer: Keine Kundschaft
Wer zum ersten Mal ein Apple-iPhone in der Hand hat, erlebt sehr schnell den besonderen Moment, in der er das Mobiltelefon kaufen will. Es ist die Sekunde, in der er das Handy in die Waagerechte dreht, der Moment, in dem sich die Anzeige verändert und ab dem er mit einem Fingerzeig durch seine Fotos und Musiktitel blättern kann. Das geht so leicht, so elegant als sei es eine Szene aus einem Science-Fiction-Film.
Zugegeben: Der Wirbel um das Handy mit dem Apfel ist gewaltig überdreht. Und doch lehrt er uns einiges über die Gründe, warum Menschen sich für ein bestimmtes Handy entscheiden. Denn eigentlich gibt es drei Arten von Handy-Käufern: Die Design-Verliebten, die Technik-Fans und die breite Masse. Für keine der drei Gruppen erscheint ein Google-Handy aber interessant.
Die Design-Fans, zum Beispiel, sind bereit, Geld zu investieren. Sie wollen ein Objekt des demonstrativen Konsums erwerben, wollen bewundert werden für ihre Kaufentscheidung, wollen angesprochen werden, liegt das edle Teil auf dem Café-Tisch. So erklärt sich auch der Erfolg des flachen Klapphandys Razr von Motorola: Es ist ein Hingucker und Handschmeichler. Eher Entsetzen löst bei Technikkundigen aber die Handhabung aus. Das Razr ist ein Desaster, möchte man etwas anderes, als mit ihm telefonieren.
Doch etwas anderes – das wollen nur die wenigsten Verbraucher. Nur eine kleine Avantgarde von Internet-Vielnutzern, die zweite Käuferschicht, sieht derzeit im Mobiltelefon ein Schweizer Taschenmesser der Kommunikation, das E-Mails empfängt, das Navigationsgerät ersetzt, zum Surfen zwischendurch dient und eine omnipräsente Kamera ist. Diese Gruppe wächst, keine Frage. Sie ist, typisch für eine Avantgarde, Vorreiter für die Masse.
Die Kenner aber werden sich wehren gegen ein Gerät, in dem Google als Suchmaschine, Gmail als Mailanbieter und Jaiku als Kurznachrichtendienst voreingestellt sind. Sie wollen selbst entscheiden, besser: Sie haben längst entschieden, sind Mitglieder bei den Diensten, die ihnen selbst genehm sind – und nicht dem Hersteller des Handy-Betriebssystems. Erst recht, wenn offensichtlich ist, dass Google nur einen Zweck mit seinen Mobilaktivitäten verfolgt: Möglichst viele potenzielle Werbeflächen zu schaffen. Und diese Anwendungen erreichen die Mobil-Surfer ganz einfach über den Browser ihres Handys.
Und die breite Masse? Die schert sich nicht um das Betriebssystem auf dem Mobiltelefon. Wer kann schon sagen, ob er Windows Mobile verwendet oder ein Symbian-System? Und wer richtet danach seine Kaufentscheidung? Also wäre es schon nötig, ein Handy zu produzieren, auf dem nicht Nokia, Samsung oder Sony Ericsson steht – sondern eben Google. Der Name allein aber garantiert keine Coolness. Es muss schlicht ein ansprechendes Handy sein. Solch eines zu entwerfen ist eine hohe Kunst, sonst hätte das Razr längst mehr Konkurrenz.
Und noch etwas kommt hinzu. Die meisten Menschen wollen vor allem eines, kaufen sie Konsumelektronik: keine Probleme. Deshalb auch waren alle so heiß auf das iPhone: Die Verbraucher haben beim Musikspieler iPod und der Apple-Software iTunes die Erfahrung gemacht, dass diese in Kombination schlicht und ergreifend funktionieren. Und deshalb trauen sie Apple auch zu, ein problemlos laufendes Handy zu produzieren.
Google kann keine Expertise in diesem Bereich vorweisen. Natürlich nutzen die meisten Menschen Google zur Web-Suche – aber auch aus Mangel an Konkurrenz. Egal ob bei sozialen Netzen, E-Mail, Bürosoftware oder Restaurant-Empfehlungen: Wo immer Google auf qualitativ gleichwertige Konkurrenz trifft, gelingt es dem Unternehmen nicht, sich durchzusetzen. Im Markt für Handy-Betriebssysteme würde der Konzern nicht nur mit Apple ringen – sondern auch mit dem Konsortium Symbian und Microsoft. Und die Gegner werden keine Probleme haben, Google-Anwendungen in ihre Software zu integrieren. Wie das geht, macht ihnen ja schon jemand vor: Apple mit seinem iPhone.

