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HANDELSBLATT, Samstag, 19. Januar 2008, 11:05 Uhr
Ökologisches Bauen

Eingebauter Klimaschutz

Von Susanne Bergius

Die Baubranche steht vor der Herausforderung, den Umweltschutz bei Büroimmobilien künftig viel stärker zu berücksichtigen. Insbesondere die Passivhausbauweise ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich attraktiv, wie zwei Projekte in Deutschland und Österreich anschaulich zeigen.


DÜSSELDORF. Der Klimaschutz wird 2008 prägen, erwartet der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW). Um erneuerbare Energien rasch auszubauen, müssten zusätzliche Anreize geschaffen werden, fordert er. Dafür ist aber nicht nur der Staat zuständig. Die Immobilienbranche selbst kann viel leisten. Zwei Passivbürohäuser belegen, dass diese Bauweise nicht nur für Wohngebäude, sondern auch für Gewerbebauten ökologisch wie wirtschaftlich attraktiv ist.

In Wien entsteht das größte Passivbürohaus Österreichs. Das fünfgeschossige Gebäude „Energybase“ mit einer vermietbaren Nutzfläche von 7.500 m² soll im Sommer bezugsfertig sein und 80 Prozent weniger Energie verbrauchen als vergleichbare Immobilien herkömmliche Bauart. „Die Energiekosten werden nur 18.000 Euro jährlich betragen statt der 90.000 Euro für ein konventionelles Gebäude“, sagte Bernd Rießland, Geschäftsführer des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF), dem Handelsblatt. Der Bauherr wird die Ersparnis direkt an die künftigen Mieter weitergeben.

Möglich wird sie durch eine weitgehend aus Holzleichtbaukonstruktion bestehende Passivhaushülle, die zurzeit angebracht wird. Eine 400 m² große Photovoltaikanlage an der stufenförmigen Fassade soll 40000 Kwh Strom liefern, die für die Haustechnik erforderlich sind. Durch eine Solarthermieanlage wird knapp ein Drittel der Heizwärme dem Grundwasser entzogen und etwa zwei Drittel durch 300 m² Solarkollektoren auf dem Dach produziert. Ein Rohrsystem verteilt das Heizwasser in den Geschossdecken - Betonkernaktivierung heißt das. Im Winter fließt kühles Wasser durch die Rohre und gibt die aufgenommene Wärme an das Grundwasser ab. Dann erzeugen die Solarkollektoren die Energie für eine spezielle Kühltechnik, die die Luftfeuchtigkeit und Temperatur der Zuluft steuert. Für gute Raumluft sollen auch viele Pflanzen sorgen.

Der Grundriss ermöglicht eine hundertprozentige Ausleuchtung mit Tageslicht - auch das ist ein Wettbewerbsvorteil. Bisher sind 20 Prozent vermietet. Auch ausländische Interessenten gibt es. „Passivhausqualität und neueste Gebäudetechnologien machen das Projekt richtungsweisend“, sagt Rießland. Modernste Büroinfrastuktur sowie ökologische Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit seien vereinbar. Das Investitionsvolumen von 14 Mill. Euro liegt jedoch rund 2 Mill. Euro höher als bei konventioneller Bauweise.

Dass Passivbürohäuser aber auch kostenneutral sein können, zeigt das seit Fertigstellung im März 2006 voll vermietete „lu-teco“ in Ludwigshafen, das das 2003 errichtete „Energon“ in Ulm als weltweit größtes Passivbürohaus ablöste. „Die reinen Baukosten von lu-teco waren mit 940 Euro/m² vergleichbar mit denen konventionell errichteter Bauwerke“, sagt Lutz Laier, Chef des gleichnamigen Architekturbüros.

Erreicht wurde das durch einen kompakten Baustil. Die Außenwand ist gegenüber der Nutzfläche klein und gibt wenig Wärme ab. Die Raumgrößen wurden auf ein sinnvolles Maß reduziert, statt unnötige, nur repräsentative Luftleerräume zu schaffen. Infolgedessen ist das sogenannte Ausbauverhältnis zwischen umbautem Raum und Nutzfläche laut Laier mit 3,68/1 niedrig. Dadurch sei das Verhältnis von Baukosten und Mieteinnahmen günstig.

Das von der mehrheitlich städtischen Immobilienfirma GAG Ludwigshafen errichte viergeschossige Gebäude mit rund 9.857 m² beheizter Nutzfläche spart laut Laier jährlich 78.000 Liter Heizöl ein oder 47.000 Euro bei einem Ölpreis von 60 Euro/100 Liter. Beim aktuellen Ölpreis von über 90 Euro ergäbe sich eine Einsparung von 70.000 Euro und mehr. Lu-teco kommt ohne Heizung, Klimaanlage, Öltank, Gasanschluss und fossile Energien aus. Ein Wärmedämmverbundsystem macht Außenhaut, Kellerboden und Dach zu einer thermischen Hülle mit hoher Luftdichtheit. Für frische Luft sorgt eine Lüftungsanlage mit 80-prozentiger Wärmerückgewinnung.

Das Gebäude hat eine thermische Selbstregelung, die sich Außentemperatur und Erdwärme anpasst. Anders als bei Energybase leiten Erdwärmesonden in der Heizperiode ein erd-warmes Wasser-Glykol-Gemisch zu einer Wärmepumpe mit Pufferspeicher, die es weiter aufheizt und durch Betonkernaktivierung im Gebäude verteilt. Im Sommer liefern die Erdsonden ein kühles Wassergemisch. Vor Überheizen durch Sonneneinstrahlung schützt zu jeder Jahreszeit eine automatische Sonnenschutzregulierung vor den großen Fensterflächen. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach in der Größe zweiter Tennisplätze erzeugt laut Laier etwa genauso viel Strom wie die Haustechnik benötig. Das mache Lu-teco zum Nullenergiehaus.

Aktivposten Passivhaus

Betrieb

Passivhäuser reduzieren den Wärmebedarf auf unter 15 Kilowattstunden/m² oder 1,5 Liter Öl/m² jährlich. Manchmal sinkt der Bedarf auf Null. Die Betriebskosten sinken um 80 – 90 Prozent. Herkömmliche Gebäude benötigen 20 bis 30 Liter.

Bau

Die Errichtung kostet wegen der besonderen, noch wenig nachgefragten und darum teureren Technik oft sechs bis acht Prozent mehr. Kostenneutralität ist aber möglich, wie innovative Beispiele zeigen.


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