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20.09.2006 
Verhandlungspraxis

Vor Türken nie schnäuzend die Nase putzen

von Eric Czotscher, Inga Kelkenberg, bfai

Die Türkei rückt seit Eröffnung der EU-Beitrittsverhandlungen stärker in den Blickpunkt deutscher Unternehmen. Das Land ist moderner und westlicher geworden. Das Geschäftsleben in Istanbul unterscheidet sich kaum von dem anderer europäischer Städte. Religiöse und kulturelle Eigenheiten können jedoch durchaus zu Missverständnissen führen, die ein Geschäft platzen lassen.

Istanbul im Abendlicht:  Geduld, Höflichkeit und Aufgeschlossenheit sind die Basis bei Verhandlungen in der Türkei. Foto: dpaLupe

Istanbul im Abendlicht: Geduld, Höflichkeit und Aufgeschlossenheit sind die Basis bei Verhandlungen in der Türkei. Foto: dpa

ISANBUL. Als "Vater" der 1923 als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs gegründeten Türkei gilt der Modernisierer Kemal Atatürk. Er führte die lateinische Schrift und die christliche Zeitrechnung ein, trennte Staat und Religion, verbot den islamischen Schleier und passte das Rechtssystem dem europäischen Vorbild an.

Bis heute hängt Atatürks Portrait, steht seine Büste in Behörden, Schulen und Unternehmen. Die Verehrung des Republikgründers ist fester Bestandteil der türkischen Kultur. Atatürk ist ein Symbol für den Weg nach Westen. Die Türkei sieht sich als fester Teil Europas und vergleicht sich in Lebensstandard und Fortschritt nicht mit dem Nahen Osten.

Deutschland spielt für die Türkei wirtschaftlich und historisch eine herausragende Rolle. Unternehmen wie Siemens, Daimler Chryler, Bayer, BASF und Hoechst haben hier frühzeitig investiert. Deutschland ist wichtigster Handelspartner der Türkei. Oft wird von türkischer Seite die historische Freundschaft zwischen beiden Ländern betont, die in der Zeit des Osmanischen Reiches und des ersten Weltkrieges wurzelt. Deutsche gelten als zuverlässig und vertrauenswürdig. "Made in Germany" steht für hohe Qualität und Langlebigkeit, so dass deutsche Marken hohes Ansehen genießen.

Der Islam hat auf das öffentliche Leben keinen nennenswerten Einfluss. Hier wird dem türkischen Muslim mehr Liberalität bescheinigt als zum Beispiel arabischen Glaubensgenossen. Einschränkungen bei Alkohol oder - während des Ramadan - bei Speisen sind unwesentlich.

In der Türkei ist die Familie auch für die junge Generation der wichtigste Bezugspunkt. Im Geschäftsleben verhelfen familiäre Bande zu guten Verbindungen. In Abstufung gilt dies auch für Freundschaften und Bekannte. Innerhalb der Wirtschaft und Politik besteht ein Netzwerk, das für Außenstehende kaum zu durchschauen ist. Geschäfte würden zwischen Personen, nicht zwischen Firmen gemacht, heißt es.

Der Nationalstolz verbindet Türken über soziale Schranken hinweg. Beschwerden gegen die Widrigkeiten des täglichen Lebens sind eher selten zu sehen. Auf Nachfrage heißt es oft: "burasi Türkiye" - "hier ist eben die Türkei". Geldgier und Geiz kommen ebenso wenig an wie Besserwisserei und Übertreibungen. Vorbild ist eher der weltläufige und generöse Geschäftsmann bzw. die Geschäftsfrau. Sitte, Moral und Ehre haben einen hohen Stellenwert. Konflikte werden bevorzugt privat gelöst. Das Vertrauen in Polizei, Gerichte oder andere staatliche Stellen ist gering.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Unvorhergesehenes kommt fast immer dazwischen

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