Das Vorstandskarussell in der Düsseldorfer Zentrale der Ergo Versicherungsgruppe dreht sich derzeit enorm schnell. Hinter all den Wechseln der jüngsten Zeit ist die neue Gangart der Muttergesellschaft zu erkennen: Aufgrund schwachen Wachstums hat die Münchener Rück dieses Jahr die Wachstumsinitiative "Changing Gear“ – Gangwechsel – gestartet.
DÜSSELDORF. Unter Ergo bündelt die Münchener Rück
die Marken Victoria, Hamburg -Mannheimer, DAS Rechtsschutz, DKV Deutsche Krankenversicherung und die Karstadt
-Quelle Versicherungen (siehe "Gesellschafts-Daten“). Zusammen formieren sie die zweitgrößte deutsche Erstversicherungsgruppe. Um bei Ergo etwas mehr Gas zu geben, ist in der Zwischenholding im Juli erstmals ein Vorstandsressort für Vertrieb geschaffen worden. Vor der Bestellung von Jürgen Vetter lag diese Verantwortung allein bei den zahlreichen Töchtern.
Ende des Jahres geht Ergo-Chef Lothar Meyer (64) planmäßig in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Torsten Oletzky (41), der bisherige IT-Vorstand. Wie vergangene Woche überraschend gemeldet wurde, verlassen gleichzeitig zwei weitere Ergo-Vorstände das Haus: Michael Rosenberg (55) und Michael Thiemermann (48). Obwohl beide offiziell "im gegenseitigen Einvernehmen“ gehen, gilt es als offenes Geheimnis, dass mehr hinter ihrem Abgang steckt.
Erst Ende September hatte ein weiterer Kollege seinen Hut genommen: Kurt Wolfsdorf räumte seinen Vorstandsposten bei Ergo – nach der bisher kürzesten Amtszeit von nur 15 Monaten. Dem Vernehmen nach gab es Differenzen über die Geschäftspolitik. Der Konzern gibt zu den Aufräumarbeiten auf der obersten Etage "keinen Kommentar“.
Die Münchener Rück
– auf dem weltweiten Rückversicherungsmarkt die Nummer Zwei – ist auf der Suche nach neuen Wachstumsfeldern seit das Kerngeschäft immer schwieriger wird. Rückversicherer sichern Endkundenversicherer, wie die Ergo-Töchter, gegen Großschäden ab. Die Konzentrationswelle unter den Versicherern stärkt deren Verhandlungs-Position und macht sie unabhängiger von Rückversicherungsschutz. Die Preise stehen unter starkem Konkurrenzdruck. Ein Sprecher der Münchener Rück
sagte auf Anfrage, dass profitables Wachstum auch zu den "ehrgeizigen Zielen von Ergo gehöre“. Doch er räumt ein: "Wir übertragen Changing Gear nicht eins zu eins auf Ergo, weil man so einen Kulturwandel nicht mit der Schablone verordnen kann, sondern den Besonderheiten Rechnung tragen muss.“ Der Heimatmarkt der Erstversicherer schwächelt jedoch. Die Branche erwartet 2007 nur ein Plus von 0,2 Prozent. Ergo geht daher verstärkt ins Ausland.
Auf den neuen Vorstandsvorsitzenden Torsten Oletzky (41) warten also große Herausforderungen. Die nach wie vor mühsame Integration der Töchter unter dem Ergo-Dach macht diese Aufgabe nicht leichter. Es kommt zu Reibungsverlusten und auch der Geschäftsmix ist problematisch: "Die Attraktivität des deutschen Lebens- und Krankenversicherungsmarkts nimmt aufgrund des Versicherungsvertragsgesetzes und der Gesundheitsreform ab“, sagt Analyst Carsten Zielke von Bear Stearns.
Unter Branchenexperten steht Ergo immer wieder zur Debatte. Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard lässt keine Gelegenheit aus, Ergo als "integralen Bestandteil des Konzerns“ hervorzuheben. Auf den geringen Kapitaleinsatz bezogen ist Ergo für die Mutter lukrativ – als Ausgleich für das volatile Rückversicherungsgeschäft aber viel zu klein. "Die Münchener Rück
hat nur zwei Möglichkeiten, entweder sie baut Ergo richtig aus oder sie verkauft“, so ein Insider.

