0 Bewertungen
14.05.2008 
Milliardenverluste

AIG-Chef in Erklärungsnot

von Torsten Riecke

Wenn Martin Sullivan heute auf der Hauptversammlung von American International Group (AIG) vor seine Aktionäre tritt, wird er einiges erklären müssen. Zum Beispiel warum er noch im vergangenen Herbst versichert hat, dass AIG die Finanzkrise ohne größere Schäden überstehen würde. Seitdem hat der größte Versicherungskonzern der Welt Verluste von rund 13 Mrd. Dollar eingefahren.

Dem größten Versicherer der Welt, AIG, steht eine turbulente Hauptversammlung bevor. Foto: ReutersLupe

Dem größten Versicherer der Welt, AIG, steht eine turbulente Hauptversammlung bevor. Foto: Reuters

NEW YORK. Seit vergangenem Herbst hat die American International Group (AIG) Verluste von rund 13 Mrd. Dollar und Wertberichtigungen auf Kreditderivate und Hypothekenprodukte von etwa 30 Mrd. Dollar gemeldet. Auf der Hauptversammlung an diesem Mittwoch wird AIG-Chef Martin Sullivan seinen Anteilseignern auch erläutern müssen, warum er mit einer Kapitalerhöhung um 12,5 Mrd. Dollar ihr Vermögen mindert und gleichzeitig die Dividende um zehn Prozent aufstockt.

Der 53-jährige Brite sitzt auf einem der wackeligsten Stühle der Finanzwelt. Einer, der kräftig an diesem Stuhl rüttelt, ist Hank Greenberg. Der legendäre Vorgänger von Sullivan ruft in einem offenen Brief den Notstand aus: „AIG befindet sich in einer Krise“, schreibt er und drängt darauf, die Hauptversammlung zu verschieben. Steven Udvar-Hazy, Chef der wichtigen Konzerntochter International Lease Finance Corp. (ILFC) denkt laut darüber nach, ob er AIG nicht den Rücken kehren soll. Viele Investoren haben das bereits getan. Der Aktienkurs des Versicherers ist in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 40 Prozent gesunken.

Zum Teil ist Sullivan an der Misere unschuldig. Als er 2005 das Steuer von dem damals über einen Bilanzskandal gestolperten Greenberg übernahm, hatte AIG bereits den Giftmüll der Subprime-Krise in ihren Büchern. Greenberg war es, der den Konzern massiv in den Markt für sogenannte „credit default swaps“ geführt hatte. Bei diesen CDS handelt es sich um Kreditversicherungen, die AIG an Investoren verkaufte. Greenberg behauptet heute, „die Risiken lassen sich managen“. Den Job muss jetzt allerdings Sullivan machen.

Ganz freisprechen kann sich der AIG-Chef jedoch nicht. Er hat die Probleme in der Konzernbilanz offensichtlich unterschätzt. Das Management hat nicht nur viel zu spät gemerkt, welche finanziellen Zeitbomben in den Büchern schlummern. Im Februar musste AIG auch noch einräumen, dass die Bilanzierung der CDS „wesentliche Schwächen“ aufweise. Sullivan versuchte bislang die Anleger mit der wenig überzeugenden Erklärung zu beruhigen, dass es sich bei den Wertberichtigungen lediglich um Buchverluste handele, die verschwinden würden, sobald sich die Kreditmärkte wieder normalisieren.

Damit dürfte er beim heutigen Aktionärstreffen kaum Punkte sammeln. Vielmehr muss er sich darauf gefasst machen, dass Anteilseigner die Strategie und Struktur von AIG grundsätzlich in Frage stellen. Gilt der Versicherungskoloss doch als die „Citigroup der Assekuranz“: riesig, weltweit tätig – und vor allem unregierbar.

Dass die Großbank und die Versicherung ähnlich hohe Abschreibungen aus dem Subprime-Debakel hinnehmen mussten, ist für die Kritiker der Beweis ihrer These. „Die Investoren verlieren mehr und mehr das Vertrauen in das Geschäftsmodell und das Management“, schreiben die Analysten des Marktbeobachters CreditSights.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterImmobilien + Vorsorge

Deutsche kaufen mehr Bausparverträge  Artikel in Merkliste

10.10.2008

Die Finanzkrise bringt den Bausparkassen zusätzliches Geschäft. Auf der Suche nach sicheren Anlagen entdecken die Deutschen den Bausparvertrag wieder. Artikel


Anzeige