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 HANDELSBLATT, Mittwoch, 7. Mai 2008, 09:27 Uhr
Seltsame Aufsichtspraktiken

Tui-Kritiker ruhiggestellt


Auf der heutigen Hauptversammlung der Tui sind kritische Stimmen offenbar unerwünscht. Ausgerechnet die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz hat einen Vertreter zurückgepfiffen, der die mangelnde Leistung des Tui-Vorstands anprangern wollte. Das Problem: Die DSW sitzt selbst seit Jahren tatenlos im Aufsichtsrat.


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Tui-Vorstandschef Michael Frenzel kann sich vor der Hauptversammlung über eine gute Nachricht freuen. Foto: dpa
Bild vergrößernTui-Vorstandschef Michael Frenzel kann sich vor der Hauptversammlung über eine gute Nachricht freuen. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Der Tui-Experte wäre gern gekommen, aber er darf nicht. Wolfgang Krafczyk von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist gegen seinen Willen von seiner eigenen Organisation als DSW-Vertreter bei der Tui abberufen worden. Krafczyk, DSW-Landesgeschäftsführer in Niedersachsen und langjähriger Tui-Kenner, hatte sich auf der Hauptversammlung 2007 unter dem Beifall von Aktionären gegen die Entlastung des Tui-Vorstands und des Aufsichtsrats ausgesprochen. Auch heute wollte er so votieren. Sein Problem: Mit der DSW-Geschäftsführerin Jella Benner-Heinacher sitzt eine der führenden Funktionärinnen der Organisation selbst im Kontrollgremium der Tui.

Die heutige Hauptversammlung wird seit Wochen mit Spannung erwartet und gilt als entscheidend für die Zukunft des Dax-Konzerns. Der größte Einzelaktionär, der norwegische Reeder John Fredriksen, will den Konzern aufspalten und fordert die Ablösung des Aufsichtsratschefs Jürgen Krumnow. Auch Vorstandschef Michael Frenzel steht auf der Kippe. Fredriksen hat zahlreiche Verbündete, nach eigener Einschätzung stehen bis zu 30 Prozent des Kapitals hinter ihm. Bei einer Hauptversammlung, bei der üblicherweise nicht mehr als 60 Prozent der Stimmen anwesend sind, läuft damit alles auf eine enge Kampfabstimmung hinaus. Ihr Ausgang ist ungewiss.

Fest steht dagegen, dass Wolfgang Krafczyk von der DSW kein kritisches Wort auf der Hauptversammlung sprechen darf. Am liebsten wäre der vermeintlichen Aktionärsschutzvereinigung sogar, Krafczyk würde gar nicht zum Aktionärstreffen kommen. Ich habe mehrfach nach einer Karte gefragt, aber das wurde abgelehnt, sagt Krafczyk. Dabei hatte der Rechtsanwalt zuvor acht Jahre lang die Interessen der DSW bei der Tui vertreten. Eine Begründung, warum er plötzlich zur Persona non Grata erklärt wurde, erhielt er nach eigener Aussage nicht. Die DSW ließ mehrere Anfrage des Handelsblattes hierzu unbeantwortet.

Einige Gründe allerdings liegen auf der Hand. Das Abstimmungsverhalten der Aktionärsvereinigungen ist immer wichtig für die Optik, sagt Krafczyk. Gerade große Konzerne würden sich mit dem Lob von Kleinaktionärsgruppen gern schmücken. Von Krafczyk aber konnte die Tui kein Lob erwarten. Der Rechtsanwalt hätte den rapiden Werteverfall des Konzerns genau so zur Sprache gebracht wie vorzeitige Vertragsverlängerung für den erfolglosen Vorstandsvorsitzenden Frenzel. Seine kritische Haltung ging dem Konzern schon 2007 offenbar gegen den Strich. Üblicherweise sind Vertreter der DSW auf Hauptversammlungen an Nummer eins oder zwei der Rednerliste gesetzt. Nachdem die Tui erfahren hatte, dass Krafczyk gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat stimmen würde, ließ man erst einmal mehr als ein Dutzend andere Aktionäre ans Pult, bevor Krafczyk reden durfte.

Dass Krafczyk nun gar nicht mehr zu Wort kommt, hält der DSW-Landesgeschäftsführer für eine Machtdemonstration des Vorstandsvorsitzenden Frenzel. Da zeigt jemand seine Muskeln, sagt Krafczyk. Ich nehme an, es ein paar Anrufe, und dann war die Sache klar und ich war raus. Über die Rolle der DSW-Geschäftsführerin Jella Benner-Heinacher im Tui-Aufsichtsrat möchte Krafczyk nicht spekulieren. Fest steht, dass ein Dax-Amt für die DSW eine Prestigefrage ist, sagt Krafczyk. Das ist der Organisation schon sehr wichtig. Ob auch die 96.100 Euro eine Rolle spielen, die Benner-Heinacher für ihre Aufsichtsratstätigkeit allein 2007 erhielt, ist unbekannt. Einen Teil der Aufsichtsratsvergütung dürfen DSW-Funktionäre üblicherweise behalten, ein anderer fließt an die Organisation.

Benner-Heinacher selbst lehnt sämtliche Anfragen zu ihrer Kontrolltätigkeit bei der Tui schon seit Monaten ab. Dabei müssten ihr als Aufsichtsrätin und gerade als Geschäftsführerin der DSW die Interessen aller Aktionäre besonders wichtig sein. Die Anteilseigner des Konzerns haben in den vergangenen Jahren Milliarden verloren. Benner-Heinacher sieht diesem Schauspiel seit langer Zeit unbewegt zu: Die Aktionärsschützerin sitzt seit 2001 im Aufsichtsrat der Tui. Auf Fragen nach Frenzels Leistung will sie aber noch immer nicht antworten - ebenso wie ihre Vorgänger: Die DSW hat schon seit mehr als dreizehn Jahren einen Vertreter im Aufsichtsrat von Tui.

Kritisiert wird das heute aber nicht zumindest nicht von der DSW. Als Ersatzmann für den missliebigen Wolfgang Krafczyk hat die Aktionärsvereinigung heute Thomas Hechtfischer aus der Zentrale in Düsseldorf nach Hannover geschickt - einen Neuling in Sachen Tui. Die Umbesetzung liefert offenbar wunschgemäße Resultate. Im Internet hat die DSW schon vorab ihr Abstimmungsverhalten dargelegt. Bei den kritischen Tagesordnungspunkten stimmen die Aktionärsschützer im Sinne der Verwaltung. Für einen Vertrauensentzug für den Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel bestehe kein Bedürfnis, heißt es in der DSW-Stellungnahme. Und auch der Aufsichtsrat inklusive der DSW-Geschäftsführerin Benner-Heinacher soll entlastet werden. Mit Krafczyk wäre dieses Ergebnis nicht möglich gewesen.


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