Denn möglichst schnell wieder einen Job zu bekommen, ist nur die eine Seite der Medaille. Der Ausbruch aus der Sprachlosigkeit 2.0 kann auch mental der entscheidende Wendepunkt in einer Straßenkarriere sein: „Wenn deine Familie, deine Freunde einfach nur eine Nachricht hinterlassen können und dir sagen ’Wir lieben dich. Du gehörst immer noch zu uns, wir vermissen dich’ – das kann deine ganze Einstellung dramatisch ändern“, sagte Darin Brockington dem lokalen Nachrichtensender NBC11 in San Francisco. Er muss es wissen. Er lebte selber über Jahre auf der Straße. Und das war vor der Zeit, in der unser gesamtes Leben in einer Wolke aus Computern und Netzen verschwunden ist.
Der Anrufbeantworter, auch wenn es gerade bei uns vielen noch völlig abstrakt vorkommen mag, ist nur der erste Schritt und schon ein wenig Anachronismus. In wenigen Jahren werden wir alle unsere Erinnerungen, Fotos, selbst wichtige Dokumente im Internet speichern. Behörden werden Formulare nur noch digital akzeptieren und versenden, Unternehmen auf der Bewerbung via Internet bestehen. Das Online-Konto, das ein Arbeitgeber sehen will, wird vielleicht noch kostenlos und für den Obdachlosen erschwinglich sein. Ein „Beraterkonto“ wird er sich kaum noch leisten können.
Möbel lassen sich in einem Lagerhaus unterstellen und wieder abholen. Aber wer garantiert Zugang zum Web? Wer garantiert, dass das E-Mailkonto, das Facebook-Profil mit allen Freunden von damals, der Webspeicher mit einem ganzen digitalen Leben darin nicht nach Jahren der Inaktivität einfach gelöscht werden? Typische Begründung für Deaktivierungen schon heute: man habe ja auf E-Mails nie reagiert. Ja, wie denn auch, ohne Internet-Zugang? Aus den Augen, aus dem Sinn.
In Deutschland plant Google derzeit keine entsprechende Aktion, und ein hiesiges Unternehmen hat sich schon gar nicht aus der Deckung getraut. Vielleicht wird der nächste Hauptmann von Köpenick 2060 ein Internetcafe besetzen und nicht das Rathaus.

