| HANDELSBLATT, Montag, 2. April 2007, 15:07 Uhr | ||||||||||||||||||||||||||||||
Was Deutschland bei jedem Flughafenausbau oder jeder neuen Autobahn erlebt – Proteste und einstweilige Verfügungen – war in China bislang undenkbar. Ob Kernkraftwerk oder Einkaufszentrum: In der Volksrepublik entscheidet die Partei, wer dem Gemeinwohl zu weichen hat. Meist bekommen die Anwohner nur vier Wochen Zeit zum Auszug, nicht selten verschwindet zudem die Entschädigung in korrupten Taschen. Doch immer mehr Menschen wehren sich gegen diese Partei-Willkür. Proteste wie beim Transrapid lösen inzwischen eine Welle der Solidarität aus, meist über das Internet. Symbol des neuen Selbstbewusstseins ist ein Ehepaar aus Chongqing, das sich seit Monaten gegen eine Enteignung wehrt. Die beiden haben sich in ihrem ehemaligen Restaurant verbarrikadiert – ohne Strom oder Wasser. Wie eine Festung steht das Haus nun auf einem schmalen Felsen inmitten einer riesigen Baugrube.
Der Fall hat in ganz China eine Diskussion über das neue Eigentumsrecht ausgelöst. Selbst der übliche Versuch der Behörden, die Berichterstattung zu unterbinden, schlug fehl. Auch die Transrapid-Gegner in Schanghai werden mutiger: Einige Anwohner aus Schanghai haben einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben und ihn auch an deutsche Medien geschickt. Der Druck wirkt. Ein Sprecher des Umweltministeriums in Peking bestätigt dem Handelsblatt, dass man eine öffentliche Anhörung erwäge: Das wäre eine Sensation. Auch mit der Baugenehmigung zögert Peking. Sie wurde – anders als immer wieder gemeldet – noch nicht erteilt, obwohl Umsiedlungen bereits laufen. „Über die Erteilung einer endgültigen Genehmigung sind wir nicht informiert“, teilt das Transrapid-Konsortium von Thyssen und Siemens mit. Längst ist Ernüchterung eingekehrt. Der Plan, schon zur Weltausstellung in Schanghai 2010 auch das 170 Kilometer entfernte Hangzhou mit dem Transrapid anzubinden, ist vom Tisch. Doch auch für die Trassenverlängerung um 34 Kilometer bis zum zweiten Flughafen Schanghais samt Zwischenstopp am Expo-Gelände läuft die Zeit davon. Soll der Transrapid 2010 Besucher zur Weltausstellung befördern, „brauchen wir bald eine Unterschrift“, sagt Siemens-China-Chef Richard Hausmann. Erst der Unfall im Emsland, dann ein Korruptionsskandal in Schanghai, nun die Bürgerproteste: „Die Pechsträhne muss einfach mal zu Ende sein“, sagt Gerhard Wahl, während sich seine Magnetbahn in die letzte Kurve legt und in den Bahnhof Pudong einschwebt. Der Platz von Ex-Kanzler Schröder, der die Magnetschwebebahn einst an China verkaufen half, bleibt unbesetzt – als wolle man auf keinen Fall den guten Geist für das Projekt vertreiben. | ||||||||||||||||||||||||||||||
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