Wer mit Hebelpapieren dieser Art spekuliert, kennt in der Regel das hohe Risiko, das er eingeht. Doch an besonders hektischen Tagen trifft es auch Besitzer ganz normaler Anlagezertifikate. Vor allem sogenannte Bonuszertifikaten zeigen dann ihre Kehrseite: Diese Papiere versprechen eine feste Rendite, wenn die Aktien in einer bestimmten Bandbreite bleiben. Rutschen die Kurse aber aus diesem vorher definierten Kursband, geht das Renditeversprechen verloren, und es drohen empfindliche Verluste. Nach den Berechnungen der Zertifikateanalysten von Scope haben im Januar mehr als zehn Prozent dieser Zertifikate ihren Bonus verloren.
Dass auf den ersten Blick harmlose Anlagepapiere wie Bonuszertifikate Risiken dieser Art bergen, ist ein Manko des mittlerweile 140 Milliarden Euro schweren Zertifikatemarkts. "Gerade weil Zertifikate als Rundumversorgung in allen Börsenlagen angepriesen werden, ist die Enttäuschung vieler Anleger groß, wenn es im Ernstfall dann doch zu erheblichen Verlusten kommt – und man womöglich nicht einmal aussteigen kann", kritisiert Ulrich Hocker, Chef der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sogar zur Altersvorsorge werden Zertifikate angepriesen. So bietet etwa Inora Life, die Versicherungstochter der französischen Société Générale, eine Rürup-Rente auf Zertifikatebasis an.
Sechs Spieler sind es zunächst, die am Handel mit Zertifikaten teilnehmen und von denen der reibungslose Ablauf in diesem System abhängt: Privatanleger, Haus- oder Online-Banken, Börsen, Emittenten, Datenlieferanten und die Terminbörse Eurex. Die große Grafik "Wie das Milliardengeschäft funktioniert" zeigt, wie die einzelnen Teilnehmer miteinander verbunden sind und welche Datenströme zwischen ihnen ablaufen.
Herzstück im System des Zertifikatehandels sind die Emittenten, also Banken und andere Institute, die Zertifikate herausgeben. Sie berechnen ständig intern die aktuellen Kurse für ihre Zertifikate. Diese Preisdaten (Quotes) stellen sie den Börsen und Online-Banken zur Verfügung. Auf Basis dieser Kurse müssen sie einen durchgehenden Handel mit Zertifikaten aufrechterhalten, das sogenannte Market Making – egal, ob die Aufträge zum Verkauf oder Kauf von Papieren direkt von einer Online-Bank hereinkommen oder von der Börse.
Schon das Ausrechnen des richtigen Zertifikatekurses ist ein komplizierter Vorgang. So fließen etwa in die Preisberechnung eines ganz normalen Bonuspapiers mehrere Stellgrößen ein, die sich laufend verändern: Der Kurs der Basis-Aktie, geschätzte Dividenden der Unternehmen, erwartete Kursschwankungen an den Börsen oder die Höhe der Zinsen.
Je hektischer es nun an den Börsen zugeht, desto schwieriger wird die Beschaffung dieser Basis-Daten. "Wenn der Dax-Future an der Eurex in wenigen Minuten um mehr als 100 Punkte steigt oder fällt, ist es kein Wunder, wenn die Computer bei der Preisberechnung nicht mehr hinterherkommen", sagt Roland Lang, Zertifikate-Chef des Emittenten Morgan Stanley. Bei manchen großen Banken fielen in den Januar-Turbulenzen etwa Datenbanken zu den erwarteten Dividenden der Aktien aus.
Als Folge solcher und ähnlicher Ausfälle schicken Emittenten dann die Standardmitteilung an die Börsen, dass der Handel mit Zertifikaten "aufgrund technischer Probleme zurzeit nicht möglich" sei. Spitzenreiter am 21. und 22. Januar mit insgesamt sieben solcher Meldungen an die Stuttgarter Euwax war der Zertifikate-Emittent Citigroup.


