Bruno, dem ersten Bär auf deutschem Territorium seit 170 Jahren, ist sein Grenzübertritt nicht gut bekommen. Die Emotionen richten sich nun gegen Jäger und Behörden. Eine aktuelle Presseschau.
„Augsburger Allgemeine“:
Anderswo ist die Natur bis heute ungebändigt: im östlicheren
Europa, in Amerika. Dort ist der Mensch auf die Gefahr oder auch nur
Belästigung eingestellt, die eine freie Natur für ihn bedeuten kann.
Nicht wenige Amerikaner haben Bären als Nachbarn, lieben sie und
wissen, wie man sich vor ihnen hütet. Wir liebten unseren Bären und
fürchteten ihn und wussten uns nicht zu helfen. Wir leben naturfern. Begegnen wir der ungezähmten Natur, greifen wir ratlos zum Gewehr.
„Landeszeitung“ (Lüneburg):
Bruno war nur kurz zu Gast bei Freunden. Und tat, was seinen Ahnen
schon vor 170 Jahren zum Verhängnis geworden war: Er ging auf
Nahrungssuche. Er tat, was man von Wildtieren durchaus erwarten kann:
wild sein. Der Schock über diese Bärenweisheit mündete schließlich in
den Abschussbefehl. Und gibt Deutschland der Lächerlichkeit preis.
Denn das Land lobt sich gern als Vorreiter in Sachen Umwelt- und
Naturschutz. Und gibt viel Geld für Renaturierungen von Flächen und -
kein Scherz - Auswilderungsprogrammen etwa von Luchsen im Harz aus.
Die Bundesregierung setzt sich sogar für den Bestand der Braunbären
in Slowenien ein. Nun reicht schon ein wilder Braunbär aus, um diesen
Aktivismus in Atavismus enden zu lassen.
„Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung“ (Essen)
Es stimmt nachdenklich, wie unsere Medien-Gesellschaft mit solch
einem Eindringling umgeht. Auf jeden Fall hysterisch: zwischen Teddy
und Bestie. Bruno mag ein „Problembär““ gewesen sein, aber er wurde
das nur durch uns. Die menschlichen Siedlungen sind so weit in die
letzte Wildnis vorgedrungen, dass es für „JJ1“ naheliegend schien,
sich das Futter in der Nähe der Zweibeiner zu suchen. Diese
zweifellos nicht ungefährliche, aber erlernte Gewohnheit wurde Bruno
zum Verhängnis. So ist der Problembär zur natürlichen Entsprechung
unserer Problemgesellschaft geworden. Hoffentlich wird's beim
nächsten Mal unproblematischer.
„Main-Echo“ (Aschaffenburg)
Der Bär ist tot, und die Aufregung ist groß. Natürlich ist es
bedauerlich, dass Bruno sterben musste, doch der Abschuss war
vielleicht das Ehrlichste, was im Umgang mit dem Tier passieren
konnte. Ehrlich im Sinne von entlarvend. Denn was sich da im
Morgengrauen zum Montag nahe dem Spitzingsee vollzog, zeigt nichts
anderes als das menschliche Grundmuster im Umgang mit Gefahren aus
der Tierwelt: Bei BSE, Schweinepest und Vogelgrippe handeln unsere
Behörden auch nicht anders. Brunos natürliches Bärenansiedlungs-
programm war der bayerischen Staatsregierung nicht geheuer. Dort
nimmt man die Dinge lieber selbst in die Hand. Es würde nicht
verwundern, wenn Schnappauf zur Wiedergutmachung des politischen
Flurschadens nun ein eigenes Bärenprogramm ankündigen würde. Am
besten mit Korbinianbären.
„Bild“-Zeitung (Hamburg)
Es ist ein Schuß in unser Herz. Eine Nachricht berührt
Deutschland: Der Bär Bruno ist tot! Es tut weh. Unsere flatternden
Glücks-Fahnen sinken auf Halbmast. Bruno reißt eine Lücke. Warum?
Bruno B. war kein Monster. Bruno war der erste Braunbär, der uns seit
170 Jahren besuchte - ein Gast bei Freunden. Bruno symbolisierte auch
ein Gefühl: Der Urwald lebt! Bruno war der lebende Teddybär in einer
Welt der Handys, Flat-TVs und des Polit-Frusts. Bruno war unser
fremder Freund. Bruno war live, authentisch, anarchistisch. 3 Länder
jagten ihn. Wir betreten den Mond, aber ein Bär narrt Stoibärs Jäger
- er bleibt frei bis zum Tod. Das ist tröstlich, aber auch
ernüchternd.
Mitteldeutsche Zeitung
Wochenlang hat Braunbär Bruno Medien und Menschen in
seinen Bann gezogen: Erst als willkommener Historienbär, dann (wie
überraschend) als wildernder Problembär und schließlich als
gefeierter Medienstar, der finnische Jäger und den Freistaatsapparat
in Bayern foppt. Nun ist Bruno tot und das Wehklagen groß. Zu Recht?
Gewiss, es ist traurig, dass Bruno nicht am Leben gehalten werden
konnte. Vielleicht hätte es ja doch eine Möglichkeit geben, Bruno an
einen sicheren Ort zu bringen? Das sollte man aber nicht vorschnell
beurteilen, wenn man Bären nur aus dem Zoo oder vom Sofa kennt.
Stuttgarter Nachrichten:
Naturschützer wollten in den Alpen Rückzugsräume
für Bären schaffen. Der Traum ist fürs Erste ausgeträumt. Der
Abschuss vom Montag zeigt: Hier zu Lande ist kein Platz für wilde
Tiere. Wo sich Menschen ausbreiten, müssen andere Kreaturen weichen:
Das ist die Botschaft, die hinter Brunos Tod steckt. In vielen
europäischen Ländern dagegen leben Mensch und Tier friedlich
zusammen. Wie sagte Naturschutzringpräsident Hubert Weinzierl:
„Bären der Welt, meidet Bayern!“
„Offenbach-Post“:
Die unpopuläre Abschuss-Entscheidung ist den Verantwortlichen
sicherlich nicht leicht gefallen. Wer sie jetzt an den Pranger
stellt, macht es sich viel zu einfach. Denn leider war dieser Meister
Petz kein vorbildlicher Vertreter seiner Art; er war verhaltensauf-
fällig, stellte für Menschen eine Gefahr dar. Politiker wollten das
Risiko nicht mehr tragen. Das ist doch nachvollziehbar. Hätte der Bär
tatsächlich eines Tages einen Menschen verletzt oder gar getötet,
wäre der Aufschrei groß gewesen: Warum man nicht schnell und
entschlossen genug gehandelt habe...
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