– Hoffnung auf TV-Musiktalentshow „Pop Idol“
Bertelsmann wächst aus eigener Kraft

Statt durch milliardenschwere Zukäufe will die Bertelsmann AG das Wachstum aus eigener Kraft schaffen. "Wir werden keine Milliardenkäufe machen, dafür ist unsere Verschuldung zu hoch", räumte der Vorstandsvorsitzende Gunter Thielen ein. Finanzvorstand Siegfried Luther versprach, die Nettoverschuldung des Konzerns bis Jahresende auf unter 4 Mrd. Euro zu drücken.

FRANKFURT. "Wir wollen die Rendite von Bertelsmann deutlich steigern", kündigte Thielen an. Das weltweit fünftgrößte Medienunternehmen (RTL Group, BMG, Club, Random House, Arvato) soll spätestens in drei Jahren eine Rendite von 10 % erreichen. Der Umsatz werde jährlich zwischen 1,5 und 2 Mrd. Euro wachsen.

Kleinere Zukäufe seien trotz der Kursänderung auch in Zukunft möglich. "Ich schließe Abrundungskäufe nicht aus", sagte der Konzernchef. Beim Angebot großer Medienkonzerne wie Vivendi Universal schaue Bertelsmann schon intensiv hin.

Thielen setzt auf das Prinzip Dezentralität

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Thomas Middelhoff, der vor fünf Wochen völlig unerwartet Gütersloh verlassen musste, setzt Thielen auf das Prinzip Dezentralität. Der Ex-Chef der Druckereisparte Arvato sagte: "Eine dezentrale Organisation, die sehr unternehmerisch agiert, kann auf die Markterfordernisse schneller und besser reagieren." Thielen will künftig verstärkt die Synergien zwischen den Konzerntöchtern heben.

Erste Erfolge des dezentralen Miteinanders sollen sich bereits dieses Jahr einstellen. Vom konzernweiten Projekt Elvis aus Anlass des 25. Todestages des Sängers etwa erwartet Thielen einen Umsatzschub von 80 bis 100 Mill. Euro. An der Vermarktung wirken die Musiktochter BMG, die Verlage von Random-House, die Buchclubs und die Zeitschriften von Gruner + Jahr mit. Große Erwartungen knüpft Thielen an die Musiktalentshow "Pop Idol", die in Deutschland unter dem Titel "Deutschland sucht den Superstar" auf RTL laufen soll. "Pop-Idol wird in Deutschland ein Granatenerfolg sein", gab sich Thielen sicher. In Großbritannien und in den USA habe die Show, die von der konzerneigenen TV-Produktionsfirma Fremantle Media produziert wird, Riesenerfolge erzielt. Erst zu Wochenbeginn hatte Didier Bellens, Vorstandschef der RTL Group, die hohen Erwartungen an "Pop Idol" in Deutschland zu dämpfen gesucht.

Bertelsmann wird auf einen möglichen Börsengang vorbereitet

Mit höherem Profit und größerem Umsatz will Thielen seinen Konzern für die Kapitalmärkte fit machen. Er sagte: "Bertelsmann wird auf einen möglichen Börsengang vorbereitet." In Frankfurt wurde gestern eine gemeinsame Stellungnahme der Gesellschafter und des Vorstands vorgelegt, in der bekräftigt wurde, dass die Groupe Bruxelles Lambert (GBL) mit ihrem Großaktionär Albert Frere ab 2005 den Börsengang verlangen kann. GBL verfügt über 25,1 % der Anteile an Bertelsmann. Die restliche Anteile hat die Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG), in der die Stiftung und der Familie Mohn ihre Pakete gebündelt hat.

Ausdrücklich wird in dieser Erklärung festgehalten, dass Mohn vor einem Börsengang über die BVG ein Vorkaufsrecht besitzt. Wörtlich heißt es: "Die BVG hat ihrerseits das Recht, GBL den Rückkauf der Aktien anzubieten. Im Fall eines Verkaufs an Dritte vor einem IPO steht der BVG ein Vorerwerbsrecht zu." Thielen unterstrich, dass die Familie Mohn keinen Aktienverkauf anstrebt. "Wir sind nicht darauf angewiesen, eigene Aktien an die Börse zu bringen." Angesichts der schlechten Marktlage will Bertelsmann jedoch keine Anleihe mehr begeben.

Wie Finanzvorstand Siegfried Luther mitteilte, soll der Verkauf der profitablen Fachverlagstochter Bertelsmann-Springer bis Ende des Jahres über die Bühne gehen. Interessenten gebe es bereits. Branchenkreise gehen von einem Preis um 1 Mrd. Euro aus. Ob der Internetdienstleister Pixelpark verkauft wird, ließ Thielen offen. Der einstige Star der New Economy gehört nicht mehr zum Kerngeschäft.

Bertelsmann erwartet, dass die Geschäfte im zweiten Halbjahr besser laufen. Vergangene Woche hatte der Konzern einen Umsatzeinbruch auf 8,83 Mrd. Euro (Vorjahr: 9,29 Mrd. Euro) bekannt gegeben. Trotzdem stieg der operative Gewinn auf 157 Mill. Euro (Vorjahr: Verlust 884 Mill. Euro). Allerdings beruhte das Ergebnis vor allem auf der Milliardenspritze durch den Verkauf der AOL-Anteile.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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