100 000 trauern auf Erfurter Domplatz um Opfer
Rau ruft zu Kampf gegen Ausgrenzung auf

Mit einer ergreifenden Trauerfeier haben mehr als 100 000 Menschen auf dem Erfurter Domplatz Abschied von den 16 Opfern des Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium genommen. Genau eine Woche nach dem beispiellosen Blutbad rief Bundespräsident Johannes Rau am Freitag eindringlich zum Kampf gegen Ausgrenzung und für mehr Mitmenschlichkeit auf.

WiWo/ap ERFURT. Ebenso wie andere Redner lenkte er den Blick auch auf die Verzweiflung des Attentäters. Zur größten Trauerfeier der deutschen Nachkriegsgeschichte war auch Bundeskanzler Gerhard Schröder mit vielen Ministern nach Erfurt gekomen.

Auf den Domstufen war ein zehn Meter hohes Kreuz aufgestellt, davor hing ein riesiges Plakat mit einem Bild des Schulportals. Die Menschen drängten sich schweigend im strömenden Regen. Viele weinten. Um 11.05 Uhr spielte die Staatskapelle Weimar den zweiten Satz der unvollendeten Sinfonie in h-moll von Franz Schubert. Zu diesem Zeitpunkt hatte eine Woche zuvor der 19-jährige Robert Steinhäuser in dem Gymnasium zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und anschließend sich selbst erschossen. Die Beisetzung der Opfer sollte in aller Stille erfolgen.

Rau sagte: "Wir müssen einander achten, und wir müssen aufeinander achten." Niemand dürfe abgedrängt werden und dadurch zu der Überzeugung gelangen, er sei nichts wert, weil er keine Leistung bringe. "Jeder ist wertvoll durch das, was er ist, und nicht durch das, was er kann", sagte der Bundespräsident. Es dürfe niemandem gleichgültig sein, wenn Mitmenschen aus der Wirklichkeit in Scheinwelten von Computerspielen und Medien flüchteten.

Rau betonte, die Selbstkontrolle der Medien sei wichtig, "unsere eigene Selbstkontrolle ist aber noch wichtiger". Den Kampf gegen die Verrohung der Gesellschaft müsse jeder bei sich selbst beginnen. Die Eltern und Lehrer rief das Staatsoberhaupt auf, den Kindern nicht eine heile Welt vorzugaukeln. In ihnen solle aber die Zuversicht geweckt werden, dass die Welt nicht unheilbar sei. Zugleich gestand der Bundespräsident Ratlosigkeit angesichts der Brutalität des Verbrechens ein: "Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie letzten Endes auch nie völlig erklären können." Der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel sprach sich entschieden gegen voreilige Konsequenzen aus dem Blutbad aus.

"Schnelle Antworten können oberflächliche Antworten sein", warnte der CDU-Politiker in seiner Rede. Die Politiker forderte er auf, sich künftig in Auseinandersetzungen zu mäßigen. Natürlich werde es wieder Streit geben. "Aber geht das nach den Erfahrungen dieser Tag nicht in einem anderen Geist, in einem anderen Ton?", fragte Vogel.

"Mord beginnt im Herzen"

Der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Thüringen, Christoph Kähler, sagte in seiner Predigt für den ökumenischen Trauergottesdienst, Mord beginne im Herzen, er beginne mit der Wut, der Enttäuschung. "Er äußert sich im Schimpfwort und kann schließlich im einsamen Hass münden, der andere zur Zielscheibe macht."

Eine Schülerin sagte über die Lehrer des Gutenberg-Gymnasiums, sie seien nicht nur Pädagogen gewesen, sondern auch Vertraute und Freunde. "Sie haben uns geprägt und dazu beigetragen, dass wir die Menschen sind, die wir sind", sagte die junge Frau und fügte hinzu: "In unsere Herzen ist eine Leere eingetreten."

Der Erfurter Oberbürgermeister Manfred Ruge sprach von Chancen, die in dem Geschehen für Erfurt lägen - nämlich "wenn wir Entsetzen in Kraft, Schmerzen in Liebe und Angst in Hoffnung verwandeln".

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