10 000 Unternehmen kooperieren mit Berufsakademien
Die eierlegende Wollmilchsau

Schnell den Abschluss in der Tasche haben, Praxiserfahrung sammeln, Geld verdienen und jetzt auch noch international studieren - die Berufsakademie ist eine Art eierlegende Wollmilchsau, die viele Wünsche auf einmal erfüllt. Einst wurde sie als "Schmalspurstudium" diffamiert. Heute machen die Absolventen Karriere auf der Überholspur.

Der Auszubildende Stephan Bleyer fertigt am Check-in des Frankfurter Flughafens Passagiere ab. Der Auszubildende Bleyer nimmt auch an Emergency-Trainings teil, wird in die Administration der Lufthansa eingeweiht oder serviert auf dem Flug Frankfurt/Valencia Lunch-Pakete. Bis wieder die Zeit kommt, wo der 23-Jährige das Lufthansa-blaue Outfit im Schrank verstaut, sein Apartment im hessischen Gießen verriegelt und ins Stuttgarter Studentenwohnheim zieht. An der Berufsakademie (BA) Stuttgart paukt der Betriebswirtschaftsstudent Bleyer drei Monate von neun Uhr morgens bis 17.30 Uhr Finanzmathematik, Statistik, Logistik und Marketing.

Das Konzept, das hinter diesem Doppelleben steckt, heißt duale Ausbildung: ein Mix aus Lehre und Studium. Drei Jahre lang wechseln BA-Studenten im vierteljährlichen Takt zwischen Unternehmen und Akademie. Die großen Ausbildungsbetriebe zahlen 600 bis 1 000 Euro brutto im Monat. "Regelmäßiges Einkommen, die Verzahnung von Theorie und Praxis und eine vergleichsweise kurze Studiendauer: Das hat mich gereizt", sagt Bleyer.

Kind der Siebziger

Geboren wurde die Alternative zu Uni- und Fachhochschulstudium in den 70er-Jahren. Daimler, Bosch und SEL erarbeiteten das "Stuttgarter Modell", die Keimzelle der Berufsakademie. Im Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und sozialen Einrichtungen sollten praxisnahe, dreijährige Studiengänge in den Fachrichtungen Wirtschaft, Technik und Sozialwesen entstehen.

"Die ersten beiden Akademien in Stuttgart und Mannheim wurden 1974 unter heftigem ideologischem Sperrfeuer gegründet. Denn der Trend ging zu einer längeren Ausbildungszeit und größerer Theorielastigkeit", sagt Hans-Joachim Wenner vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium. Als "Schmalspurstudium" oder "Kaderschmiede der Wirtschaft" bügelten die Gegner das Modell Berufsakademie ab. Sie rieben sich daran, dass die kooperierenden Unternehmen die Lehrpläne beeinflussen. In den Fachausschüssen der Berufsakademie sind Wissenschaftler und Praktiker gleichermaßen vertreten. 40 Prozent der Studieninhalte werden von hauptamtlichem Personal gelehrt. 60 Prozent der Dozenten sind Praktiker aus den Ausbildungsbetrieben oder Nebenberufler von Hochschulen.

Großer Zustrom

Den Bedenkenträgern zum Trotz hat sich die Ausbildungsspezialität aus dem Ländle durchgesetzt. 1974 gingen in Baden-Württemberg 163 BA-Studenten an den Start. Heute studieren dort mehr als 18 000 BAler an zwölf Standorten, rund 30 Studenten sitzen in jeder Klasse.

"Unsere Berufsakademien sind nicht nur rand-, sondern übervoll", sagt Referatsleiter Wenner. Ebenso sieht es in den drei Bundesländern aus, die das baden-württembergische Modell übernommen haben. In Berlin, Sachsen und Thüringen durchlaufen rund 5 000 Studenten eine duale Ausbildung.

Wer an einer Berufsakademie studieren möchte, muss sich bei einem der 10 000 Unternehmen bewerben, die mit einer BA kooperieren. Die deutschen Vorzeigekonzerne - von ABB bis Siemens allesamt vertreten - erhalten jährlich Tausende von Bewerbungen. Den Kandidaten steht ein harter Ausleseprozess bevor: Assessment Center mit schriftlichen Tests, Diskussionen, Interviews.

Stephan Bleyer hat sich mit 3 000 anderen Abiturienten auf 25 Ausbildungsplätze bei der Lufhansa beworben. "Mit der richtigen Motivation und einem Quäntchen Glück" habe er die Anfangshürde genommen, ist der flugbegeisterte Gießener überzeugt. Mit einem weiteren "Quäntchen Glück" darf Bleyer sich aussuchen, wo er seinen Praxiseinsatz im Ausland absolviert. "Am liebsten würde ich nach Delhi gehen."

Internationale Ausrichtung

Die weltweit aktiven Unternehmen schicken ihre Auszubildenden traditionell für drei oder vier Monate ins Ausland. Seit drei Jahren bieten einige zusammen mit den Berufsakademien internationale Studienprogramme in BWL und Wirtschaftsinformatik an: International Business Administration und International Information Technology. Zwei Drittel der Vorlesungen werden auf Englisch gehalten, ein Semester wird an einer ausländischen Partnerhochschule verbracht.

Weiterer Schritt in Richtung Internationalisierung: In Baden-Württemberg und Berlin können sich BA-Studenten parallel an der größten britischen Fern-Uni, der Open University of London, einschreiben. Ohne zusätzliche Studienleistungen erhalten sie nach drei Jahren neben dem "Diplom BA", das in den BA-Ländern nach Baden-Württemberger Modell dem Fachhochschulabschluss gleichgesetzt ist, den Grad "Bachelor with Honours". Damit sind die Absolventen in Baden-Württemberg und Berlin berechtigt, ein Masterstudium an einer dortigen Hochschule anzuschließen. Oder auch im europäischen Ausland. Von Seiten der Kultusministerkonferenz heißt es, diese Praxis - ein Programm, zwei Abschlüsse - sei "trickreich". Eike Köhler, Personalmanagerin von Daimler Chrysler Services (Debis) in Berlin, stimmt zu. Die Inhalte der klassischen BA-Studiengänge seien schließlich nicht verändert worden. "Aber bei den neuen internationalen BA-Programmen ist der internationale Bachelor-Grad gerechtfertigt."

Praxis statt Elfenbeinturm

Die BA-Ausbildung solle eben keine Sackgasse sein, erklärt Jürgen Zabeck von der Uni Mannheim. "Genauso wie in Baden-Württemberg mit BA-Diplom die Promotion an einer Universität möglich ist, schafft man jetzt eine Anschlussstelle zu dem internationalen, gestuften Modell Bachelor und Master."

Grundsätzlich halte er dies jedoch für ein "Denken in den Kategorien des Verschiebebahnhofs." Denn es sei nicht Ziel der Berufsakademien, wie die Universitäten Forschungsnachwuchs für die Wissenschaft auszubilden. "Sie wollen jungen Leuten, die eine anspruchsvolle Tätigkeit in Unternehmen anstreben, eine Qualifikation auf wissenschaftlicher Grundlage bieten."

Dass die Berufsakademien diesen Anspruch erfüllen, belegen Studien, die der emeritierte Professor Zabeck zu den Karrieren von BA-Absolventen durchgeführt hat: Nur zwei Prozent qualifizieren sich an einer Hochschule weiter. Rund 90 Prozent der BAler haben im Anschluss an die duale Ausbildung einen Job in der Tasche - davon beziehen zwei Drittel den ersten Arbeitsplatz bei ihrem Ausbilder, ein Drittel steigt bei einem anderen Unternehmen ein.

"Der Einwand, die Absolventen seien zu stark auf ihren Ausbildungsbetrieb fixiert, ist falsch", sagt Zabeck. "BAler sind auf dem Arbeitsmarkt genauso flexibel und erfolgreich wie FH- und Uni-Absolventen." Bei IBM zeigt eine hausinterne Studie sogar, dass die rund 1 000 dort beschäftigten BAler in puncto Gehalt, Führungsverantwortung und Einsatz im Top-Management die Nase vorn haben.

Interessanter im Konzern

"BA-Studenten sind hochmotiviert und wollen nach ihrer straffen Ausbildung genauso zügig weiter Karriere machen", so die Erfahrung von Debis-Personalerin Köhler. Ein Sachbearbeiterposten etwa sei vielen im Anschluss zu unattraktiv - zumal ihnen Alternativen winken. Unternehmensberatungen wie KPMG oder Ernst & Young nähmen BA-Absolventen gerne unter Vertrag, erzählt Köhler. Anders als in Baden-Württemberg und Berlin sind BA-Studenten in Thüringen und Sachsen durch ihre Ausbildung weniger verwöhnt: Die Partnerunternehmen sind hier vorwiegend Mittelständler. Die sind weniger zahlungskräftig als internationale Großkonzerne und können ihren Studenten keine exotischen Praxiseinsätze bieten.

Marco Römpp etwa studiert an der BA Bautzen und macht seine Ausbildung bei KEW, einem sächsischen Kunststoffhersteller mit 70 Beschäftigten. Seine 40-Stunden-Woche absolviert er dort für monatlich 200 Euro brutto. Ohne Unterstützung der Eltern und Nebenjob in einer Cocktailbar käme er nicht über die Runden.

Trotzdem würde der 22-Jährige sich wieder für ein kleines Unternehmen entscheiden: "Man versteht das Zusammenspiel der einzelnen Abteilungen besser: Wenn ich einen Praxiseinsatz im Vertrieb habe, kann es sein, dass Kundenbeschwerden bei mir landen. Oder jemand aus der Buchhaltung kommt eben zu uns rüber, wenn es Zahlungsverzögerungen gibt." Doch egal, ob der Ausbildungsbetrieb KEW Kunststofferzeugnisse oder Lufthansa heißt: Einen entscheidenden Nachteil hat die duale Ausbildung gegenüber Uni- und FH-Studium, sind sich die überzeugten BA-Studenten Römpp und Bleyer einig: "30 Tage Jahresurlaub sind einfach nicht so gut wie Semesterferien."

Einen Überblick über die Berufsakademien in den einzelnen Bundesländern finden Sie unter http://www.jungekarriere.com/berufsakademie

Quelle: Junge Karriere

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