11. September
"Der Angriff galt uns allen"

Klaus Naumann, ehemaliger Vorsitzender des Nato-Militärausschusses, über dauerhafte Veränderungen nach den Terroranschlägen des 11. September, Fehler der Amerikaner und Schwächen Europas.

Viele werden heute sagen, dass sich am 11. September 2001 unsere Welt dauerhaft verändert habe. Ich glaube das nicht. Wir haben vor einem Jahr, durch ein tragisches Blitzlicht erhellt, die Konturen der Welt gesehen, die man geahnt hatte und in der wir leben müssen, ohne schon zu wissen wie, denn es ist eine Welt voller Konflikte.

Sah man vor einem Jahr auf Deutschland, seine Gesellschaft, seine Medien, dann überwog die irrige Annahme, mit dem Ende des Kalten Krieges sei der ewige Friede greifbar und Sicherheitsvorsorge weitgehend überflüssig. Diese Illusionen, die übrigens in Europa kaum jemand auch nur annähernd teilte, fanden am 11. September ein brutales Ende. Nun waren wir alle Amerikaner, sogar "Le Monde" machte mit der englischen (!) Schlagzeile auf : "We Are All Americans". Heute, ein Jahr später, trauern wir noch immer über die Opfer, darunter ja auch Deutsche, aber statt Solidarität mit den USA überwiegt Kritik. Es ist wieder chic, sich antiamerikanisch zu geben, man gilt dann als intellektuell, ohne intelligent sein zu müssen.

Kein Zweifel, die amerikanische Regierung hat dazu kräftig beigetragen. Die Liste reicht von der Arroganz, mit der Kyoto gekippt wurde, über das viel zu lange Warten im Nahen Osten, über die undifferenzierte Achse des Bösen bis zur erpresserischen Politik, mit der der Internationale Strafgerichtshof geschwächt wird. Amerikanische Grundüberzeugungen, die stets eine Rolle spielten, verstärken die Überheblichkeit der nun einzigen Supermacht. Da ist der Glaube, "Gottes eigenes Land" zu sein, ein Land, das als Gegenentwurf zu dem verderbten Europa entstanden war. Das Ergebnis ist ein Sendungsbewusstsein, das amerikanische Politik immer wieder missionarische Züge annehmen lässt.

Der Unilateralismus der USA ist in Wirklichkeit ein Ergebnis der Schwäche Europas.


Da ist das Vermächtnis Präsident Washingtons, keine verstrickenden Bündnisse einzugehen. Es bestimmt noch immer amerikanische Politik, auch das Verhältnis zur Uno. Man weiß, dass Interventionen legitim sein müssen, aber man ist nicht bereit, sich einem Konsens unterzuordnen, den Regierungen mit fragwürdiger demokratischer Legitimation gefunden haben. Diese amerikanische Regierung will Spielraum, sieht zuerst amerikanische Interessen und sucht sie durchzusetzen. Die Regierungen der Verbündeten tun das im Übrigen auch. Sind die Partner der USA so schwach wie die Europäer gegenwärtig und noch dazu uneins, dann gibt man ihnen die Linie vor. Dafür werden die USA des Unilateralismus geziehen, der in Wirklichkeit Ergebnis der Schwäche Europas ist. So auch in der gegenwärtigen ernsten Krise im Verhältnis zu den USA. In ihr reißt nicht nur die Klage über einseitiges amerikanisches Vorgehen Gräben auf, sondern auch die Hybris mancher Europäer, die glauben, sich auf angebliche intellektuelle und moralische Überlegenheit stützen zu können und den USA Vorgaben machen zu müssen. Europa protestiert undifferenziert gegen die Vorstellungen der USA zum Nahen Osten und zum Irak, gegen die Forderung, die Nato-Verbündeten müssten mehr für die Verteidigung tun. Wie immer in Europa ist der Protest pauschal und leugnet die eigenen Defizite. Die Europäer glauben, alles besser zu wissen, sprechen vage von politischen Konzepten, sind aber in ihrer Zerstrittenheit nicht in der Lage, etwas besser zu machen.

Ein Jahr nach dem 11. September wächst die Überzeugung, dass man Beistand von den Nato-Verbündeten kaum, von der derzeitigen deutschen Regierung gewiss nicht erwarten kann. So wie die Äußerungen des Bundeskanzlers zu Jubel im irakischen Fernsehen führten und damit einen Despoten stützten, den niemand in seiner Region zu halten wünscht, so hat dieser "deutsche Weg" nicht nur jede Chance vernichtet, wenigstens bei Entscheidungen über das "Wie" gehört zu werden, vom "Ob" ganz zu schweigen. Er hat auch die in den USA gestärkt, die glauben, die Verbündeten seien ohnehin zu nichts zu gebrauchen. Die Überbewertung der eigenen Kraft nimmt zu und damit der Wille, den Kampf gegen den Terror alleine auszufechten, ohne sich reinreden zu lassen.

Das ist weder im Interesse der USA noch der Europäer. Die aber glauben, sie lebten im Frieden und halten mehrheitlich einen 11. September in Europa für fast unmöglich. Man muss daher Bilanz ziehen und fragen, wie es weitergehen soll, wenn Berlin seine durch Selbstisolation erzeugte Politikunfähigkeit aufgibt und Vernunft wieder die Politik bestimmt.

Vier Änderungen sind als Folge des 11. September wohl dauerhaft:

Erstens, das internationale Recht ist verändert worden. Die Resolution des Weltsicherheitsrats vom 12. September, die terroristische Angriffe durch nichtstaatliche Akteure einem Angriff durch einen Staat gleichsetzt und das Recht auf Selbstverteidigung auch gegenüber den Staaten begründet, die Terrorismus unterstützen, ist eine Einschränkung des Interventionsverbots der Charta der Vereinten Nationen.

Zweitens, die Nato ist mit der Erklärung des Bündnisfalls ein globales Bündnis geworden. Die Out-of-Area-Frage ist beerdigt. Die Konsequenzen für die Streitkräfteplanung wurden allerdings nicht gezogen. Schlimmer aber ist, dass die Amerikaner der Welt demonstrierten, dass die Nato außerhalb Europas unbrauchbar ist und sie sie nicht brauchen. Sie haben keinen wirklichen Beistand angefordert. Ich sehe das mit Sorge. Glauben die Amerikaner erst einmal, dass man die Nato nicht braucht, dann wird früher oder später die Unterstützung für das Engagement der Amerikaner in Europa schwinden. Das aber ist nach wie vor unverzichtbar, denn die Risiken, mit denen auch wir Europäer fertig werden müssen, sind globale Risiken.

Drittens ist die Landschaft der Bündnisse in Bewegung geraten. Am deutlichsten sieht man das am Verhältnis USA - Russland. Noch ist nicht abzusehen, was daraus wird. Es könnten Allianzen entstehen, die man vor einem Jahr für undenkbar gehalten hätte. Wer hätte damals gedacht, dass ein Zweckbündnis aus USA, Europäischer Union, Russland und Nato, augenzwinkernd gestützt von China, entstehen könnte?

Deutschland wie Europa müssen wissen: Wer jetzt den Schulterschluss mit den Vereinigten Staaten von Amerika, der einzigen globalen Macht, verpasst, wer glaubt, statt Beiträge zu leisten nur Bedenken artikulieren zu müssen und Solidarität aufkündigen zu können, der steht morgen im Abseits. Das heißt nicht, alles zu schlucken, was aus Washington kommt, aber das heißt, sich durch konkrete Vorschläge einzubringen und willens zu sein, zu ihrer Umsetzung beizutragen.

Viertens dürfte der Schock des 11. September zum Abschied vom Clintonschen Multilateralismus geführt haben. Das heißt nicht Unilateralismus, aber Beschränkung der Suche nach gemeinsamen Lösungen auf die Nationen, die sich als Verbündete von gleichen Überzeugungen leiten lassen und die bereit sind, zu Lösungen beizutragen.

Die Europäer glauben, alles besser zu wissen, sind aber in ihrer Zerstrittenheit nicht in der Lage, etwas besser zu machen.


Wir dürfen nicht vergessen, dass hinter den Rauchwolken des einstürzenden World Trade Centers die hassverzerrte Fratze eines Fanatismus zu sehen war, der uns allen galt. Die Osama bin Ladens dieser Welt hassen uns, unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung. Der Angriff traf die USA, aber er galt uns allen. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, wir seien sicher. Wir haben die schlimmste Form von Terrorismus noch nicht erlebt. Das heißt nicht, nun in Angst zu erstarren, aber es muss dazu führen, dass die Abwehr- und Schutzmöglichkeiten weiter verbessert werden, im Inneren wie nach außen, im Verbund mit unseren europäischen und amerikanischen Verbündeten.

Es gibt daher keine Alternative zur Solidarität mit den USA, die ihrerseits wissen müssen: Alleingänge werden scheitern, sie können nur gewinnen, wenn sie gemeinsam mit ihren Verbündeten handeln. Auf beiden Seiten des Atlantiks muss man begreifen: Wird der Zusammenhalt USA/Europa beschädigt, dann haben die Terroristen gewonnen.

Dieser 11. September 2002 ist ein Tag des Gedenkens, aber er muss der Tag werden, an dem man auf beiden Seiten des Atlantiks wieder zu entschlossener Solidarität findet. Geschlossen müssen Europäer und Amerikaner den Angreifern vom 11. September 2001 sagen: Wir wollen Frieden, keinen Konflikt, aber wir werden uns schützen, wir werden Schulter an Schulter stehen, alle für einen und einer für alle. Unsere Feinde müssen wissen, dass sie uns nicht besiegen können und dass für uns gilt, was Winston Churchill seinen Landsleuten in schwersten Stunden zurief: "We shall never surrender."

Klaus Naumann war von 1991 bis 1996 Generalinspekteur der Bundeswehr und von 1996 bis 1999 Vorsitzender des Nato-Militärausschusses.

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