11. September
Die Zeit heilt nicht alle Wunden

In den USA startet Oliver Stones umstrittener Kinofilm "World Trade Center". Der Regisseur und sein Film werden in die anhaltende Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit dem Schicksalstag hineingezogen. Für viele Hinterbliebene ist es auch fünf Jahre danach immer noch zu früh, um das Tabu zu brechen.

NEW YORK. "Ich will den Mord an meiner Mutter nicht im Kino sehen", sagt Carie Lemack. Die junge Frau ist aufgebracht. Es geht um den 11. September 2001, um schmerzhafte Erinnerungen und um den neuen Film "World Trade Center" von Oliver Stone. Lemack, deren Mutter in einem der Flugzeuge saß, die Terroristen in die Zwillingstürme in New York steuerten, versucht in diesen Tagen, dem Filmereignis des Jahres aus dem Weg zu gehen. Das ist gar nicht so leicht. Laufen doch seit Wochen überall in Amerika die Vorschauen auf den Film. "Neulich bin ich aus dem Kino gerannt", berichtet die Mitbegründerin der Gruppe "Families of September 11".

Es ist nicht der erste Film, der sich mit dem amerikanischen Trauma des 11. September beschäftigt. Vor einem Jahr hat der britische Regisseur Paul Greengrass bereits das Tabu gebrochen und mit dem Film "United 93" jenen Schicksalsflug nachgezeichnet, der in einem Kornfeld in Pennsylvania endete. Während Greengrass die Ereignisse des Tages mehr mit der Distanz eines Dokumentarfilmers beobachtet, zieht Stone die Zuschauer tief in die wahre Geschichte zweier New Yorker Polizisten hinein, die lebend unter den Trümmern des World Trade Centers begraben und später gerettet wurden.

Dass Stone ein Heldenepos mit Happy End gewählt hat, um sich mit dem sensiblen Thema "Nine-eleven" auseinander zu setzen, hat in den USA für Überraschung gesorgt. In seinen bisherigen Filmen wie "Born on the 4th of July" und "JFK" hatte der zweifache Oscar-Preisträger sich stärker auf die düsteren politischen Verwirrungen in der amerikanischen Geschichte konzentriert. Viele hatten deshalb erwartet, Stone würde eher den Konspirationstheorien nachgehen, die sich rund um den 11. September ranken. Es kam anders: "Das Drehbuch traf mich mitten ins Herz", gestand der fast 60-jährige Filmemacher, "es ist eine Überlebensgeschichte."

So geht es in dem Film vor allem um uramerikanische Tugenden wie Familie, Glaube, Liebe und Hoffnung. Das hat dem linksliberalen Stone Beifall von ungewohnter Seite eingebracht. Konservative Sprachrohre wie der Fernsehsender Fox feiern den Streifen als "einen der größten pro-amerikanischen Filme, die jemals gedreht wurden". Stone antwortet darauf: "Ich bin zwar kein Patriot, der sich in die Flagge einwickelt, (?) aber ich liebe Amerika." Er könne der US-Politik weiterhin kritisch gegenüberstehen, ohne deshalb unpatriotisch zu sein. Die Geschichte der beiden New Yorker Cops gibt tatsächlich keiner Seite des politischen Spektrums Munition, sondern konzentriert sich auf die menschliche Seite des Dramas und bleibt dabei eher apolitisch.

Dennoch werden Stone und sein Film in die anhaltende Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit dem Schicksalstag hineingezogen. Für viele Hinterbliebene ist es auch fünf Jahre danach immer noch zu früh, um das Tabu zu brechen. "Es heißt zwar, dass die Zeit alle Wunden heilt", sagt Bruce DeCell, dessen Sohn es damals nicht aus dem 92. Stockwerk eines der beiden Türme geschafft hat. "Das stimmt jedoch nicht, wenn man jemanden verloren hat, den man liebte."

Mary Fetchet, deren Sohn ebenfalls in den Trümmern des World Trade Centers starb, ist anderer Meinung. "Filme sind wichtig", sagt die blonde Frau mit leiser Stimme, "um die Geschichte der Menschen zu erzählen." Wichtiger sei es jedoch, dass sich die Ereignisse von damals nicht wiederholen, befindet Carie Lemack. Sie hat deshalb den Regisseur aufgefordert, im Abspann des Films darauf hinzuweisen, wo man sich in diesem Sinne engagieren kann. Stone hat das abgelehnt. Stattdessen will er die Kinoeinnahmen der ersten fünf Tage an vier Organisationen der Hinterbliebenen spenden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%