11. September
Kommentar: Trotzige USA

Mit einer Mischung aus Patriotismus, Heldenverehrung und trotziger Zuversicht haben die Amerikaner den ersten Jahrestag der Attacken auf New York und Washington begangen.

Nicht Schwarz, sondern Blau-Weiß-Rot waren am Mittwoch in Amerika die Farben der Trauer und des Gedenkens an die Terroranschläge am 11. September. Mit einer Mischung aus Patriotismus, Heldenverehrung und trotziger Zuversicht haben die Amerikaner den ersten Jahrestag der Attacken auf New York und Washington begangen. Vom Strand in Kalifornien bis zu Ground Zero in New York - überall versammelten sich Menschen zu Gedenkfeiern, läuteten die Kirchenglocken und wurden Kerzen angezündet. Viele Schulkinder und selbst die Kassiererinnen im Supermarkt trugen die Nationalfarben des Sternenbanners. Die Botschaft der vielen Reden war eindeutig: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Eine Botschaft, die ebenso sehr an die Amerikaner selbst wie an die Welt gerichtet ist.

Die von Blau-Weiß-Rot dominierten Fernsehbilder vom Gedenktag spiegeln nämlich nur einen Teil der nationalen Gefühlslage wider. Die wahre Befindlichkeit kommt in den unzähligen Geschichten zum Ausdruck, die jeder mit diesem Tag verbindet. Wo war ich an dem sonnigen, schicksalhaften Morgen des 11. September, wie habe ich von der Katastrophe erfahren, wie darauf reagiert? Im persönlichen Gespräch über diese Fragen spürt man noch heute den kalten Schauer und die Suche nach Orientierung, die der erste Angriff auf das Festland der USA hinterlassen hat. "America is under attack" - dieser Satz bleibt CNN-Moderator Aaron Brown auch heute noch im Halse stecken. Dass der Gedenktag unter der zweithöchsten Sicherheitsstufe und patrouillierenden Militärjets stattfand, zeigt, wie verunsichert die amerikanische Nation ist.

Amerika hat die unmittelbare Herausforderung des 11. September bestanden. Die Terroranschläge haben das Land verwundet, aber nicht umgeworfen. Die politischen und gesellschaftlichen Institutionen sind stabil. Die amerikanische Demokratie ist unter dem Druck eines gestiegenen Sicherheitsbedürfnisses nicht eingeknickt. Die wirtschaftliche Schwäche ist weniger eine Folge der Attacken als vielmehr ein Kater des Booms der 90er-Jahre.

Viele Amerikaner spüren jedoch, dass ihnen der schwierigere Part im Umgang mit dem 11. September erst noch bevorsteht. Das Trauma des ersten Jahres macht langsam der Ungewissheit Platz, wie die Terroranschläge auf lange Sicht das ganz persönliche Leben der meisten Amerikaner verändern werden. Präsident Bush hat das Land in einen Krieg gegen den internationalen Terrorismus geführt. Ein Angriff auf den Irak könnte den USA weit mehr Opfer abverlangen als die Attacken auf New York und Washington. Diese bittere Einsicht sickert nur sehr langsam in das Bewusstsein der Amerikaner. Trotz der demonstrativen Entschlossenheit der Bush-Regierung - das Land ist emotional noch lange nicht auf seine neue Rolle in der Welt vorbereitet.

Viele Europäer und insbesondere wir Deutsche betrachten diesen Prozess der Selbstfindung Amerikas mit einer Mischung aus Sympathie und Befremden. Die trotzige Entschlossenheit, mit der die USA gegen den Terrorismus vorgehen, irritiert uns, macht uns Angst. Bei allem Streit über den richtigen Umgang mit dieser modernen Geißel der Menschheit sollten wir eines nicht aus den Augen verlieren: Wir müssen uns der Herausforderung stellen und können sie nicht hinwegwünschen. Zumindest in diesem Punkt sind uns die Amerikaner einen Schritt voraus.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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