110 Meter Hürden
Zu Gold verdammt

Liu Xiang ist das Gesicht dieser Spiele. 1,3 Milliarden Chinesen laden ihre Erwartungen auf den Schultern des nationalen Idoles ab, sie erwarten von ihm nichts weniger, als dass er über 110 Meter Hürden Olympiasieger wird. Dabei ist Xiang nicht mehr der Schnellste - vor allem auf den ersten 60 Metern ist er verwundbar.

HB. Es ist nicht leicht, Liu Xiang zu sein. Nicht in diesen Tagen, nicht in diesem Jahr. Nicht, wenn über 1,3 Milliarden Chinesen von ihm Gold erwarten in diesen etwas weniger als 13 Sekunden am 21. August um Viertel vor Zehn.

Das Finale über 110 Meter Hürden soll für China so etwas wie die Krönung dieser Olympischen Spiele werden. Und Liu Xiang ist dazu verdammt, dass es das auch wird. Neben dem Basketballer Yao Ming ist der 25-Jährige so etwas wie der Posterboy dieser Spiele, ein globaler Chinese, daheim längst ein Held. Auf Plakaten in Peking lächelt er von Fassaden, und im chinesischen Staatsfernsehen strahlt Liu Xiang auf allen Kanälen, dafür hat ihn die Werbung zum Dollar-Millionär gemacht. Eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr kam zu dem Ergebnis, dass 93 Prozent der Chinesen wissen, wer Liu Xiang ist.

So gesehen erinnert sein Schicksal an die Olympischen Spiele von Sydney 2000: Damals lud eine ganze Nation ihre Erwartungen auf den Schultern von Cathy Freeman ab, die nicht nur das Olympische Feuer entzünden durfte, sondern auch für Australien das ersehnte Gold über 400 Meter gewann.

Nur wird es für Liu Xiang in Peking deutlich schwerer. Denn der Chinese war zwar in den vergangenen Jahren stets der Beste auf dem Weg über die zehn Hürden - er ist Olympiasieger, Weltmeister -, den Weltrekord aber hat er in diesem Jahr verloren. Er ist nicht mehr der Schnellste, es scheint, dass ihn der Druck doch ein wenig lähmt.

Der Kubaner Dayron Robles ist der schnellste Mann der Welt über die Hürden - seit Juni erst, als er im tschechischen Ostrava Liu Xiangs Rekord um eine Hundertstel auf 12,87 Sekunden verbesserte. Ein Schock für China; Liu Xiang aber konnte das eigentlich nur recht sein, denn bei so viel Druck schadet es nicht, den Kubaner als würdigen Gegner aufzubauen. Schon zu Beginn des Jahres verkündete Liu Xiang deshalb, Robles sei besser als er. Im März gewann der Chinese in Valencia zwar die Hallen-WM, habe aber gespürt, "dass Robles meinen Weltrekord brechen kann".

So kam es dann ja auch. Und nun gibt sich Liu Xiang alle Mühe, sich einzureden, "dass die Olympischen Spiele ein ganz normaler Wettkampf für mich werden, so wie andere Rennen auch". Der Unterschied sei lediglich, dass sie in seiner Heimat stattfinden. "Aber das Gefühl", sagt Liu Xiang, "auf dieses große Ereignis warten zu müssen, ist kein so gutes. Das macht mich nervös, und das tägliche Training ist dadurch nicht leicht." Sehnlichst wünschte er sich deshalb auch, dass sein Freund, der chinesische Basketball-Star Yao Ming, rechtzeitig für Olympia fit werden würde, damit er ihm ein wenig von der Aufmerksamkeit abnehmen könnte. "Wenn er ausfällt, wird der Druck für mich noch größer", ahnte Liu Xiang. Yao Ming vom NBA-Klub Houston Rockets laborierte lange an einem Ermüdungsbruch im Fuß, doch inzwischen ist klar, dass er in Peking spielen kann.

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