12 Menschen starben
Schlafwagen als Todesfalle

Der Tod überraschte sie im Schlaf. Beißender Qualm füllte mehrere enge Abteile des Nachtzuges D 261 von Paris nach Deutschland. Zwölf Menschen erstickten oder verbrannten am Mittwochmorgen, von Feuer und starkem Rauch aus dem Schlummer in den Tod gerissen.

HB/dpa NANCY/PARIS/FRANKFURT. Wer in der Nähe Brandgeruch wahrnahm, flüchtete in den nächsten Waggon, manche durch eingeschlagene Oberfenster ins Freie. Von all dem bekamen weiter hinten im Zug viele zunächst nichts mit.

Ein nächtliches Flammendrama mitten im ostfranzösischen Nancy: "Uns haben schreiende Kinder aufgeweckt", erzählt der 45-jährige Marc. "Und wenn ich daran denke, dass ich eigentlich doch auch ein Bett im Schlafwagen wollte...", ergänzt der Münchner Marcus Schniedel mit einem Seufzer der Erleichterung. "Ich habe den Rauch in der Nase gehabt. Dann liefen zwei Schaffner nach vorne. Dann hielt der Zug."

Es sollte eine Routinefahrt mit dem nachtblauen Schlafwagen der Deutschen Bahn werden. Jeden Abend gegen 22:58 Uhr verlässt der Zug mit der Nummer D 261 den Ostbahnhof der französischen Hauptstadt mit Reisenden, die am Morgen in Frankfurt oder München sein wollen. Doch in dieser Nacht fällt plötzlich hellwachen Bahnbeamten in Nancy auf, dass aus dem Schlafwagen direkt hinter der Lokomotive Rauch dringt. Sie informieren sofort per Funk den Lokführer. Geistesgegenwärtig stoppen sie die Stromversorgung des Zuges. Nur ein paar Hundert Meter vom Bahnhof entfernt kommt der Unglückszug zum Stehen. Aus einem Wagenfenster des Zuges schlagen bereits meterhohe Flammen.

Das Feuer war um 2:15 bemerkt worden. Gut sechs Minuten später waren die ersten Feuerwehrleute aus der nahe gelegenen Kaserne Joffe zur Stelle. Und doch konnten sie zwölf Fahrgäste nur tot aus zwei völlig zerstörten Abteilen bergen. "Ein Zugabteil ist ein äußerst abgeschotteter Bereich, Rauch dort also besonders giftig", erklärte ein Feuerwehrmann. Ein anderer mutmaßte, dass bei älteren Wagen die Holz- oder Plastikverkleidung rasch brennt und dichten Rauch erzeugt. "Solcher Rauch ist extrem giftig", sagte der Feuerwehrmann noch. Und ein technisch versierter Reisender spekulierte darüber, wieweit denn deutsche und französische Elektrik in einem Zug "kompatibel" seien.

Ein Schlafwagen als Todesfalle also. "Ich bin vom Rauchgeruch wach geworden", berichtete ein Reisender im französischen Rundfunk. "Dann habe ich schnell meine Sachen gegriffen und bin in den hinteren Wagen geflüchtet." Ein deutscher Kontrolleur lief dem Reisenden aufgelöst entgegen: "Ich komme nicht in mein Schlafwagenabteil. Es brennt. Die Leute sterben." Für die etwa 150 geretteten Fahrgäste eröffnete der Bürgermeister von Nancy rasch eine Turnhalle und bot psychologische Betreuung an. Doch schon bald nach dem Morgengrauen wurden jene, die mit dem Schrecken davongekommen waren, zu Bussen und Zügen gebracht.

Die nächtlichen Strapazen standen jenen Reisenden ins Gesicht geschrieben, die nachmittags glücklich in Frankfurt/Main ankamen. "Wir wussten lange nicht, was überhaupt passiert ist", der Gestank des Rauchs habe sie nachts aufgeweckt, erzählte die Studentin Marie Forget auf dem Bahnsteig. Die Panik hielt sich bei vielen Passagieren in Grenzen, weil ihnen erst ein Blick ins Freie den Ernst ihrer Lage zeigte - Flammen und Feuerwehren mitten in Lothringens Metropole, in der dieser Nachtzug doch ansonsten fahrplanmäßig nie Station macht.

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