150 Stellen fallen weg
„Frankfurter Rundschau“ räumt mächtig auf

Die "Frankfurter Rundschau" hat wegen ihrer Finanzkrise überraschend die Chefredaktion komplett ausgetauscht und muss bis 2004 weitere 150 Stellen abbauen. Zurzeit gibt es dort 1300 Stellen. Im Rahmen eines Sanierungskonzepts zur Rettung des finanziell angeschlagenen Verlagshauses wurde mit sofortiger Wirkung Wolfgang Storz (48) zum neuen Chefredakteur berufen, wie die "FR" am Dienstag bekannt gab. Er löst Jochen Siemens (54) und Hans-Helmut Kohl (51) ab.

HB/dpa FRANKFURT/MAIN. Storz war bisher stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter für die "Seite 3". Auch in der restlichen Führungsebene werden Stellen gestrichen.

Die überregionale Zeitung werde das von der Unternehmensberatung KPMG vorgeschlagene Sanierungskonzept auf ganzer Linie umsetzen, kündigte Verlagsleiter Utz Grimmer an. Das bedeutet, dass außer der einen Chefredakteursstelle auch eine von bisher vier Geschäftsführerstellen abgeschafft wird. Außerdem werde es statt bislang sieben künftig nur noch drei Prokuristen geben. Die "FR" hat in Abstimmung mit ihren beiden Hausbanken einen Generalbevollmächtigten bestellt, der den Geschäftsführern bei der Sanierung zur Seite steht.

Bis Ende 2003 muss in einem ersten Schritt 90 Angestellten betriebsbedingt gekündigt werden, darunter 30 bis 35 Redakteuren, sagte Grimmer. In einem weiteren Schritt sollen bis Ende 2004 etwa 60 Mitarbeiter über die normale Fluktuation ausscheiden. Nach "FR"- Angaben wurde bisher neun von rund 240 Redekteuren betriebsbedingt gekündigt.

Bislang war in der Medienbranche vermutet worden, dass nur einer der beiden bisherigen Chefredakteure Siemens und Kohl würde gehen müssen. Gerüchten zufolge sollte es Kohl treffen. Nun wurden den beiden bisherigen Chefs Korrespondentenposten im Ausland angeboten. Ob sie diese akzeptieren und damit bei der "FR" bleiben, ist nach Angaben Grimmers noch nicht entschieden.

Zu Storz' neuen Stellvertretern sind Jürgen Metkemeyer (47) und Stephan Hebel (46) berufen worden. Beide rücken aus dem Haus nach: Metkemeyer, seit 1999 Chef vom Dienst, übernimmt die Aufgabenfelder Personal, Finanzen und Organisation. Hebel, von 1994 bis 1999 Berlin- Korrespondent, arbeitete zuletzt für die "Seite 3".

Storz ist promovierter Sozialwissenschaftler. Er begann seine journalistische Laufbahn bei der "Badischen Zeitung" in Freiburg. 1998 kam er nach Frankfurt, wo er zunächst als Chefredakteur der Publikationen der Gewerkschaft IG Metall arbeitete, ehe er zur "FR" kam. Seit 1. November 2000 war er Ressortleiter der "Seite 3".

Das "FR"-Verlagshaus steckt wie viele andere Zeitungen wegen der dramatischen Einbrüche auf dem Anzeigenmarkt in einer wirtschaftlichen Krise. Neben anderen fahren auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") Sparkurse. Mit der "SZ" plant die "FR" über die schon angekündigte Kooperation im Stellenmarkt hinaus eine weiter gehende Zusammenarbeit. Verlagsleiter Grimmer bestätigte am Dienstag einen Bericht der "Welt", wonach es derartige Pläne gebe. In welche Richtung "FR" und "SZ" denken, verriet Grimmer nicht, eine redaktionelle Kooperation sei jedoch nicht geplant.

Ende Oktober soll auch über den Verkauf des "FR"-Stammsitzes in der Frankfurter Innenstadt entschieden werden. Es gebe eine Absichtserklärung an einen holländischen Investor, sagte Grimmer. Er soll nach einem Bericht des "Spiegel" 48 Mill. ? geboten haben. Es würden aber noch andere Optionen erwogen.

Die "FR" ist laut Grimmer "doppelt geschlagen", weil sie gleich auf zwei Feldern kräftig verloren habe. Ende September sprach Grimmer von einem Anzeigeneinbruch von insgesamt 30 % in diesem Jahr; beim Stellenmarkt habe die "FR" sogar ein Minus von 50 % zu verbuchen, jeweils verglichen mit 2001. Zum anderen sei die verlagseigene Großdruckerei "in erheblichem Ausmaß von den Einbrüchen auch bei anderen Zeitungen, was Volumina und Auflagen angeht, betroffen". Das bedeute ein geringeres Auftragsvolumen, das über die "FR"-Druckmaschinen laufe. Die "FR" hatte im dritten Quartal 2002 eine verkaufte Auflage von rund 183 000 Exemplaren.

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