16 Jahre Ruhm und Hölle reichen dem Choleriker
Gil zieht sich von der Fußballbühne zurück

Die Sportkommentatoren reagierten gelassen auf die Ankündigung der wohl schillerndsten und gleichermaßen skandalumwittertsten Fußballfigur in Spanien: Jesús Gil y Gil, Ex-Bürgermeister des südspanischen Nobel-Badeorts Marbella, Bauunternehmer und Klubchef des spanischen Erstligisten Atlético Madrid, will "zum Wohle des Vereins" zurücktreten.

MADRID. Das hatte der 70-Jährige schon häufiger vor, doch dieses Mal scheint es ihm tatsächlich ernst zu sein. Offiziell will Gil seine Entscheidung in der kommenden Woche bekanntgeben, erklärte aber bereits in Radiointerviews, was er zu tun gedenkt, da er "nicht zu einem Hindernis für die Zukunft des Klubs" werden wolle: "Ich ertrage die ganzen Beleidigungen nicht mehr. Ich gehe."

16 Jahre lang stand Gil an der Spitze des Vereins, dessen Mitglieder erst Ende April in ausgelassener Stimmung den 100. Geburtstag des Klubs feierten, während die Spieler die laufende Saison in schöner Mittelmäßigkeit absolvieren. Der ebenso schwergewichtige wie streitbare Präsident, ausgestattet mit einem Herzschrittmacher, hat sich über Jahre nicht nur einen Ruf als Choleriker erarbeitet, der vor Wortgefechten und auch Handgreiflichkeiten in manchen Lebenslagen nicht zurückschreckt.

Gil gilt zudem als Gauner und Trickser. Gegen ihn liefen Anklagen in zweistelliger Größenordnung, er war einige Male in Untersuchungshaft und auch in diesen Wochen berät der Oberste Gerichtshof in Spanien über seine vorerst letzte Verurteilung wegen Betrugs und Unterschlagung. Gil wurden Unregelmäßigkeiten bei der Umwandlung des Fußballvereins in eine Aktiengesellschaft zur Last gelegt, wogegen er Berufung einlegte. Allerdings musste Gil zur Sicherheit seinen 95%-Anteil an Atlético hinterlegen.

Kaum ein Jahr verging, in dem Gil nicht für reichlich Schlagzeilen sorgte: Zuletzt, 2002, war "der Mann der Prozesse", wie die spanische Tageszeitung "El Mundo" titelte, wegen der zahlreichen Gerichtsverfahren als Bürgermeister von Marbella zurückgetreten. Mit seinem Rücktritt als Klub-Boss, vermuten Beobachter, will Gil nun den Weg zu einer dringend benötigten Kapitalerhöhung des verschuldeten Hauptstadt-Vereins freimachen.

Über die genaue Finanzsituation gibt Atlético nichts preis, doch spanische Fußballexperten sprechen von 13 Millionen Euro Schulden, die der Klub allein bei seinen Spielern hat. Sowohl Gläubiger als auch Unternehmen mit Interesse an einem Einstieg bei Atlético hatten in den vergangenen Wochen auf einen Rücktritt des Präsidenten gedrängt. Die Bilanz über Gils Amtszeit fällt in den spanischen Medien zwiespältig aus: "Eine Liga, drei Königspokale, 28 Trainer und eine Reihe von Konflikten", zählt "El Mundo" auf. Die Wirtschaftszeitung "Expansión" wird da schon deutlicher: "16 Jahre Ruhm und Hölle."

Quelle: Handelsblatt

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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