17 500 Polizeibeamte sollen Transport schützen
10.000 Castor-Gegner demonstrieren gegen Atomkonsens

Vor dem Start des Castor-Transports nach Gorleben haben am Wochenende mehr als 10 000 Atomkraftgegner im niedersächsischen Wendland gegen den Transport und die Atompolitik der Bundesregierung protestiert. Führende Grünen-Politiker verteidigten ihre Unterstützung für den Atomkonsens gegen heftige Kritik der Demonstranten.

rtr GORLEBEN. Die neue Parteichefin Claudia Roth und die Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Kerstin Müller, nahmen am Sonntag an einem Umzug von Bauern mit mehr als 400 Traktoren im Wendland teil. Die Grünen müssten bei den Atomkraftgegnern stärker um Vertrauen für den Atomkonsens zwischen Regierung und Stromwirtschaft werben, sagten die Grünen-Politikerinnen. Castor-Gegner legten gegen das Verbot von Kundgebungen Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein.

Die mehr als achtstündige so genannte Stunkparade vom Zwischenlager rund 20 Kilometer durch das Wendland verlief nach Polizeiangaben friedlich. Für die ab Montag erwarteten Blockaden sei die Polizei gewappnet, sagte ein Sprecher. Der seit dem Atomkonsens erste Transport von Castor-Behältern mit deutschen Atommüll aus der Wiederaufbereitung im französischen La Hague sollte dort Montag früh per Bahn starten und wird Dienstagabend an der Verladestation in Dannenberg erwartet. Von dort sollen die Behälter auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Für den 70 Kilometer langen letzten Abschnitt des Transports ab Lüneburg sind zahlreiche Blockaden angekündigt. Es handelt sich um den ersten Transport seit vier Jahren. Die Gegner des Transports werfen den Bundes-Grünen vor, der von ihnen mitgetragene Atomkonsens sei unzureichend.

Aufrufe zu weiteren Protestaktionen

Auf Transparenten und Schildern kritisierten sie: "Atomkonsens ist Nonsens". Die meisten Traktoren kamen ohne Schaufeln oder anderes schweres Gerät, das für Blockaden eingesetzt werden könnte. Tausende Atomkraftgegner säumten die Strecke, an der sich die Polizei mit schwerem Räumgerät in Bereitschaft hielt, um mögliche Blockaden der Transportstrecke zu verhindern. Zum Abschluss der Stunkparade riefen mehrere Redner am Abend zu weiteren Protestaktionen in den nächsten Tagen im Wendland auf.

Roth und Müller wurden in Gorleben mit Beschimpfungen empfangen. Demonstranten riefen: "Verräter" und "Ihr habt hier nichts zu suchen". Roth steuerte bei dem Umzug den Traktor des Kreisverbands der Grünen, Müller saß hinter ihr. Sie sahen ihre Teilnahme als Demonstration für einen schnellen Ausstieg, nicht aber gegen den am Montag beginnenden Transport. Zahlreiche Grüne aus Niedersachsen, darunter die Fraktionsvorsitzende im Landtag, Rebecca Harms, nahmen ebenfalls an der Stunkparade teil. Bereits am Samstag hatten in Lüneburg über 10 000 Castor-Gegner demonstriert und die Atompolitik der Bundesregierung angegriffen. Roth und Müller erklärten, die Grünen seien weiter Teil der Anti-Akw-Bewegung. Die massive Kritik an ihrer Partei zeigt nach den Worten Roths das große Misstrauen gegen den Atomkonsens. "Wir müssen Vertrauen zurückgewinnen", sagte sie.

Am Rande des Treckerumzugs wurde eine 55-Jährige Frau nach Polizeiangaben von einem Autofahrer verletzt, der offensichtlich vorsätzlich in eine Gruppe von Demonstranten fuhr. Die Frau kam mit einem Knöchelbruch ins Krankenhaus. Der vermutlich angetrunkene Fahrer gehört ersten Angaben nach zur rechten Szene.

Demonstranten besetzten Bahnstrecke

Rund 150 Atomkraftgegner besetzten nach Polizeiangaben am Sonntag vorübergehend die Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg nahe Nahrendorf. Die Beamten sprachen Platzverweise aus, denen die Demonstranten ohne Widerstand folgten. Bereits am Samstag hatten Castor-Gegner vorübergehend Gleise in Lüneburg besetzt.

Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg reichte nach eigenen Angaben beim Verfassungsgericht in Karlsruhe eine Beschwerde gegen das Verbot weiterer Demonstrationen durch die Bezirksregierung Lüneburg ein. In der Nacht zum Sonntag kamen mehrere hundert auswärtige Atomkraftgegner in Kirchen unter, nachdem die Mehrzahl der Zeltlager entlang der Transportstrecke von der Bezirksregierung Lüneburg verboten und aufgelöst worden waren. Auch Polizisten beklagten sich über ihre Unterkünfte. Der Landeschef der Polizei-Gewerkschaft in Niedersachsen, Hauptkommissar Bernhard Witthaut, sprach in "Bild am Sonntag" von menschenunwürdigen Bedingungen. Insgesamt sind 17 500 Polizeibeamte zum Schutz des Castor-Transports abgestellt.

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