180 Biermarken aus 110 Ländern gehören Interbrew
Hugo Powell: Ein Mann im Kaufrausch

In kürzester Zeit hat der Interbrew-Chef die weithin unbekannte belgische Brauerei zur Nummer Zwei in der Welt gemacht. Noch ist sein Übernahmedurst nicht gestillt.

BRÜSSEL. Für jemanden, der in einem Jahr mehr als sechs Milliarden Euro für Firmenübernahmen ausgibt, kommt Hugo Powell sanft rüber. Der Chef des belgischen Braukonzerns Interbrew spricht langsam, sehr gewählt, wirkt mehr wie ein Psychologe denn wie ein Manager im Kaufrausch. Ein Zuhörer. Aber vor allem auch ein Bierliebhaber. Der in Indien geborene Brite hat sich in der Nähe von Toronto ein Anwesen gebaut, von dem Kanadier behaupten, es sei so groß wie das von Bill Gates. Darin darf vor allem eins nicht fehlen: ein original nachgebauter englischer Pub. "Da kommt man aber nur mit Einladung rein", erklärt sein stolzer Besitzer.

Becks, Diebels, die britischen Whitbread-Brauereien, die Bass-Gruppe: Powell, 56, der seit 1999 an der Spitze von Interbrew steht, hat inzwischen über 180 Biermarken aus 110 Ländern im Portfolio. Die weltweite Expansion spielt er herunter: "Es ist eine Sache, eine Strategie zu haben, die andere ist, auch Gelegenheiten zu haben. Die kommen meistens nicht, wenn man sie erwartet." Also nur Zufälle? Mitnichten. Der Interbrew-Chef gilt als ausgesprochen risikofreudig.

Hugo Powell begann seine Karriere 1963 als Trainee in England bei Unilever. Fünf Jahre später wechselt er zu Warner Lambert und geht 1971 für den US-Konzern nach Kanada. Er kehrt nach Europa zurück und wird Chef von Jacobs Suchard Deutschland.

Bevor Interbrew 1995 die kanadische Brauerei John Labatt kauft, ist er dort der Boss. Als solcher hat er bereits gezeigt, dass die ruhige Kugel nicht in sein Spiel gehört. Jahrelang lieferte er sich mit dem Konkurrenten Molson Breweries einen erbitterten Preiskrieg, der ihm den Spitznamen "Straßenkämpfer" einbrachte.

Eine typische Ansage an seine Mitarbeiter wird so kolportiert: "Wenn du das machst, was du immer machst, wirst du auch das bekommen, was du immer bekommen hast." Freunde und Feinde des Interbrew-Chefs sind sich einig: scharfer Wettbewerb kitzele das Beste aus ihm heraus. Seine Feinde fügen freilich hinzu: einem Mann wie ihm könne man nicht trauen.

Seine mangelnde Scheu vor Risiken hat Powell auch schon einige Blessuren eingebracht: Beim Kauf der Bass-Gruppe für 3,2 Milliarden Euro zum Beispiel wartete er nicht die Entscheidung der britischen Wettbewerbshüter ab, die ihm prompt einen Strich durch den schon vollzogenen Deal machten. Interbrew musste sich von der Topmarke Carling trennen. Von zunächst 32 Prozent Marktanteil blieben den Belgiern damit "nur" rund 15 Prozent. Powell und seine Berater hatten die traditionell hohe Bereitschaft der britischen Kartellwächter zu intervenieren schlicht ausgeblendet.

Seine Risikobereitschaft führt auch immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den adeligen Eigentümern von Interbrew. Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1366 zurück. Die drei Eigentümer-Familien, de Spoelberch, Van Damme und de Mevius, hielten nie viel von Transparenz und Offenheit. Gegen ihren Willen boxte Powell den Börsengang im November 2000 durch und ging zudem riskante Engagements in Schwellen- und Entwicklungsländern ein. Erst in der vergangenen Woche gab Interbrew Gespräche mit dem größten thailändischen Brauer Boonrawd zum Aufbau eines Joint Ventures bekannt.

Vielflieger Powell, britischer und kanadischer Staatsbürger, hat neben dem Platz in der Business-Class auch den Lebensmittelpunkt seiner Familie nach Belgien verlagert. Mitgenommen hat der Internationalist auch einige seiner kanadischen Mitarbeiter aus den "Straßenkampfzeiten" bei John Labatt. Die Unternehmenssprache bei Interbrew ist seither Englisch.

Kenner beschreiben den Führungsstil von Powells Management-Riege als "pragmatisch und ein wenig chaotisch". Fest steht: Die Interbrew-Strategie, die auf eine Vielzahl von Topmarken in regionalen Märkten setzt, erleichtert nicht nur die Integration der aufgekauften Unternehmen. Sie ermöglicht den neuen Konzerntöchtern auch, ihre Identität zu wahren.

Von seinen vielen Bieren schätzt Powell selbst vor allem das belgische "Hoegarden". Seiner kleinen Tochter Britany hat Europas Bierkönig angeblich einmal die Marke Stella Artois zum Probieren gegeben. Das Ergebnis ist nicht überliefert. Auf die Frage, was er später mal machen wolle, erwidert Powell: "Dann eröffne ich einen Pub."

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