182 Abgeordnete sind neu im Bundestag – Nur eine kleine Minderheit hat zuvor in Wirtschaft und Wissenschaft Karriere gemacht
Nur wenig Neue kommen aus der Wirtschaft

Schon FDP-Urgestein Graf Lambsdorff beklagte, der Bundestag sei mal voller und mal leerer, aber immer voller Lehrer. Daran hat auch diese Wahl nichts geändert. Erfahrung aus der Wirtschaft bleibt weiterhin selten.

BERLIN. Der neue Bundestag hat sich sehr verändert. Von den insgesamt 603 Abgeordneten ziehen 182 neu in die Volksvertretung ein. Solche mit herausragender Karriere in Wirtschaft oder Wissenschaft sucht man allerdings fast vergeblich, auch Erfahrung als Unternehmer ist eine Seltenheit.

Das gilt selbst für die Union: Unter den 87 Neulingen ist der Kölner Christdemokrat Rolf Bietmann eine echte Ausnahmeerscheinung: Der 48-jährige Jurist führt eine Sozietät mit 150 Mitarbeitern, die bundesweit an acht Standorten tätig ist. Die Kanzlei soll auch sein beruflicher Schwerpunkt bleiben: "Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass eine gesicherte berufliche Position für mich unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiches politisches Wirken ist", betont er. Seit 1995 ist Bietmann auch Professor für Wirtschafts- und Arbeitsrecht an der Universität Erfurt.

Sein künftiger Fraktionskollege Alexander Dobrindt leitet die Holzner&Sanamij GmbH in Peißenberg - ein Hersteller von Druckbehältern und medizinischen Geräten mit 17 Mitarbeitern, an dem der 32jährige auch beteiligt ist. Im Bundestag will sich der Diplomsoziologe, der bereits mit 16 in die CSU eintrat, der Wirtschaftspolitik widmen, vor allem dem Mittelstand.

Bundesweit bekannt wurde der Neu-Parlamentarier Michael Fuchs schon durch sein Amt als Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels. 1980 gründete er die Firma Impex-Elektronic, die Werbemittel vertreibt. Seinen Geschäftsführer-Job gibt er zu Gunsten des Politikerdaseins auf.

Doch auch Gewerkschafter vertreten die CDU. Hartwig Fischer, Generalsekretär der Partei in Niedersachsen, war für die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (heute Verdi) elf Jahre lang Betriebsratschef bei Karstadt in Göttingen.

Unter den liberalen Neulingen fällt Andreas Pinkwart auf: der 42-jährige hat in Siegen einen Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und widmet sich besonders dem Thema Steuern Schlagzeilen machte Pinkwart in den letzten Tagen als Herausforderer von Jürgen Möllemann im Kampf um den FDP-Führung in NRW.

Bei der SPD dürfte Neuzugang Karin Roth als ehemalige Hamburger Senatorin für Arbeit, Gesundheit und Soziales für die Wirtschaft interessant werden. Vom Gewerkschaftsmagazin "Einblick" freudig als Ausgleich für das Ausscheiden von IG BAU-Chef Klaus Wiesehügel begrüßt, betont sie selbst jedoch ihre Unabhängigkeit. So will Roth, bis 1998 Chefin des DGB-Landesbezirks Hamburg und Schleswig Holstein, das Hartz-Konzept zur Reform des Arbeitsmarkts gegen den Widerstand der Gewerkschaften ohne Abstriche umsetzen.

Ein gewerkschaftliches Schwergewicht bekommt die SPD-Fraktion mit Hans-Jürgen Uhl. Als Geschäftsführer des Gesamt- und Konzernbertriebsrats der Volkswagen AG war der 50 jährige IG Metaller maßgeblich an deren tarifpolitischen Innovationen beteiligt. Uhl sieht seine Aufgaben in der internationalen Politik. "Ich würde gern in den Auswärtigen Ausschuss gehen", sagt er und begründet das mit der nationalen Brille, die Deutschland endlich ablegen müsse. Beispiel EU-Osterweiterung. "Sozialdumping verhindern wir nicht, indem wir hohe Zäune aufbauen. Wir müssen die wirtschaftlichen Verhältnisse in den Beitrittsländern stabilisieren", sagt Uhl und für manchen Gewerkschafter mag das wie eine Kriegserklärung klingen. Als er dann auch noch betont, die Bürokratie- und Regelungsdichte entrümpeln zu wollen, meint man fast ein Unternehmer statt eines IG Metallers spricht.

Einen echten Unternehmer hat die SPD-Fraktion mit Klaas Hübner gewonnen, noch dazu einen Mittelständler. Hübners Betrieb in Sachsen-Anhalt mit 230 Beschäftigten stellt Vakuumöfen und Rohrleitungssysteme her. Er sei mit 16 Jahren über die Friedensbewegung zur SPD gekommen, erzählt der 35-Jährige. Für den Bundestag habe er kandidiert, weil er überzeugt sei, die SPD-Fraktion brauche mehr Unternehmer in ihren Reihen. "Sozial ist nicht nur, was denen nützt, die Arbeit haben", sagt Hübner. Und deshalb will er vor allem für die Deregulierung des Arbeitsmarktes kämpfen. Über die Mühsal seines neuen Jobs macht er sich dabei keine Illusionen.

Die Grünen schließlich haben zwar viele Neue in der Fraktion, doch niemand mit ausgewiesener Wirtschaftskkarriere.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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