19-jähriger Täter beging Selbstmord
18 Tote nach Amoklauf in Erfurter Schule

Bei einer in Deutschland beispiellosen Gewalttat hat ein ehemaliger Schüler am Freitag in einem Erfurter Gymnasium 17 Menschen und sich selbst erschossen. Mindestens vier Menschen wurden verletzt.

WiWo/ap/dpa ERFURT. Die meisten Opfer des brutalen Amoklaufs waren Lehrer. Insgesamt tötete der 19-jährige Schütze nach Polizeiangaben zehn Männer und sieben Frauen, darunter auch einen Polizisten und zwei Mädchen. Der Gewalttäter soll vor wenigen Monaten von der Schule verwiesen worden sein. In Deutschland, aber auch im Ausland löste der Amoklauf Bestürzung aus. In Erfurt selbst herrschten Trauer und Schock, die Stadt sagte zahlreiche Veranstaltungen ab. Bis zum Abend konnte die Polizei nicht ausschließen, dass es möglicherweise einen Mittäter gab.

Die Einsatzkräfte wurden um 11.05 Uhr durch einen Telefonanruf aus dem Gymnasium "Johann Gutenberg" alarmiert: "Hier in der Schule wird geschossen." In kürzester Zeit waren Sondereinsatzkommandos und bis zu 60 Rettungsfahrzeuge am Ort. "Die Polizisten wurden sofort beschossen", sagte der Erfurter Polizeichef Manfred Grube. Einer der Beamten (42) wurde tödlich getroffen. 9 Lehrer, 3 Lehrerinnen und 2 Kinder starben, außerdem die Vize-Schulleiterin und eine Sekretärin.

Darauf wurde die Schule umstellt und das Gebiet weiträumig abgesperrt. Um 11.43 Uhr stürmte ein Sondereinsatzkommando das Gebäude. Den Spezialkräften bot sich ein Bild des Grauens. Auf Gängen, Zimmern und Toiletten lagen Leichen. Schüler, Lehrer und Eltern waren geschockt. Zu diesem Zeitpunkt sollen sich noch 180 der insgesamt 692 Schüler und 53 Lehrer in dem Gebäude befunden haben.

Der Amokläufer verbarrikadierte sich in einem Nebenraum und erschoss sich, als sich die Polizei ihm näherte. Der 19-Jährige war nach ersten Erkenntnissen mit einer Pump-Gun und einer Handfeuerwaffe bewaffnet. Wie er an die Waffen heran kam, ist noch unklar. Der tödliche Kugelhagel auf Lehrer und Schüler war schon vorbei, als die Polizei eintraf.

Die Beamten durchkämmten bis in die Abendstunden den Tatort, um einen möglichen weiteren Täter zu finden. Zeugen hatten von schnell aufeinander folgenden Schüssen gesprochen, was die Polizei auf einen zweiten Täter hatte schließen lassen. Außerdem gab es Schüler, die einen zweiten Schützen gesehen haben wollen. Ein Mittäter hätte womöglich im allgemeinen Chaos die Schule verlassen können. Bisher ließen sich die Hinweise auf einen Mittäter aber nicht bestätigen, so ein Polizeisprecher.

Täter als offener junger Mann bekannt

Eine ehemalige Schülerin des Gymnasiums beschrieb den Amokläufer aus eigener Kenntnis als offenen jungen Mann. "Die Tat passt überhaupt nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe", sagte Isabell Hartung in einem Interview mit dem Sender n-tv. "Ich verstehe es nicht." Sie erkläre sich die Schreckenstat als Kurzschlussreaktion. "Seine Freunde machen Abitur und er nicht, da ist er vielleicht durchgeknallt", sagte die junge Frau. Eine Beziehung zu Waffen oder Drogen habe er nicht gehabt. "Er wollte immer auffallen und ist damit bei den Lehrern angeeckt." Die Mitschüler hätten sich mit ihm gut verstanden.

Als sie die Schüsse hörten, saßen zahlreiche Abiturienten gerade über ihren Prüfungen - sie flohen und verbarrikadiert sich in der Aula. In erschütternden Handy-Anrufen schilderten sie, was sie mitangesehen hatten. Insgesamt 180 Schüler, die während der Bluttat im Gebäude ausharrten, konnten in Sicherheit gebracht werden, insgesamt zählt das Gymnasium 750 Schüler.

Schüler und Angehörige fassungslos

Nach der Tat suchten fassungslose Schüler und Angehörige beieinander Trost, geschockte Menschen fielen sich weinend in die Arme. Kriseninterventionsteams und andere Psychologen nahmen sich ihrer an. Die Bilder vom tödlichen Amoklauf werden nach Expertenansicht die betroffenen Schüler wahrscheinlich monatelang in ihrem Unterbewusstsein quälen. "Die größte Gefahr bei der emotionalen Verarbeitung besteht darin, dass die Kinder Schuldgefühle entwickeln. Sie glauben dann, sie seien mitverantwortlich an dem Amoklauf", sagte der Trauma-Psychologe Christian Lüdke am Freitag in einem dpa- Gespräch in Köln.

Unbestätigten Angaben einer Schülerin zufolge war der Täter von der Abiturprüfung ausgeschlossen worden. Bei der Tat soll er maskiert gewesen sein. Auslöser für einen Amoklauf sind nach Erkenntnis der Psychologie meist Kränkungen. "Dabei zieht es Amokläufer bei ihrer Tat in der Regel an den Ort, der etwas damit zu tun hat", sagte Psychologe Steffen Dauer aus Halle am Freitag nach dem Amoklauf in einem dpa-Gespräch.

Deutschland trauert

Bundespräsident Johannes Rau sagte: "Deutschland trauert über ein unfassbares Geschehen." Bundeskanzler Gerhard Schröder reagierte fassungslos. Sein Mitgefühl gelte den Angehörigen und Überlebenden. "Es ist ein Ereignis, das alle Vorstellungskraft übertrifft." Bundestag und Bundeskanzleramt setzten am Abend die Flaggen auf Halbmast. Vertreter aller Parteien äußerten Bestürzung und Entsetzen.

Weltweit hat es bisher erst zwei vergleichbare Amokläufe gegeben. Im April 1999 töteten zwei Jugendliche an einer Highschool in Littleton (US-Bundesstaat Colorado) 12 Schüler und einen Lehrer. Anschließend erschossen sich die Täter. Drei Jahre zuvor, im März 1996, starben beim schlimmsten Massaker der jüngeren britischen Kriminalgeschichte in der Turnhalle der Grundschule von Dunblane in Schottland 11 Mädchen, 5 Jungen und 1 Lehrerin. Der Pistolenschütze, ein entlassener Jugendbetreuer, richtete sich selbst.

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