19 Sprachen, 25 Nationen: Es wird eng in Brüssel
EU verstrickt sich im Sprachwirrwarr

Zehn Staaten mehr sitzen in wenigen Tagen in Brüssel am Tisch. Am Mittwoch hat im Justus- Lipsius-Gebäude, wo Minister, Botschafter und Experten tagaus, tagein in zahllosen Sitzungen die Politik der Union aushandeln und das komplizierte Regelwerk weiterentwickeln, das große Stühlerücken begonnen.

jh ATHEN. Die Hausmeister hatten zu tun, denn vom kommenden Dienstag an werden Vertreter der zehn neuen Mitglieder an den Beratungen auf allen Ebenen teilnehmen. Mitbeschließen dürfen sie zwar erst nach dem Beitritt am 1. Mai 2004. Aber mitreden und lernen, wie es läuft, sollen sie schon jetzt. Um die "alten Hasen" gruppieren sich die Neuzugänge: Links neben den deutschen Vertretern sitzen zukünftig Ungarn, rechts Malteser. Gegenüber die Briten zwischen Zyprioten und Letten. Damit die Enge im Ratssaal erträglich bleibt, dürfen die Minister nicht mehr vier, sondern nur noch drei Berater um sich haben. Dennoch wird es voll: 100 Vertreter werden sich in dem Raum um Platz bemühen müssen. Im kommenden Jahr soll deswegen ein neuer, größerer Sitzungssaal fertig gestellt sein. "Dann wird man sein Gegenüber nur noch mit dem Fernglas erkennen können", mutmaßt ein Diplomat.

Ins Auge fallen wird eine blinkende, rote Lampe. Mit ihr wird der Rats- oder Arbeitsgruppenvorsitzende die streng limitierten Redezeiten abrupt beenden. Einschläfernde und hinlänglich bekannte Vorträge politischer Pamphlete sollen der Vergangenheit angehören. Überhaupt soll vieles anders werden. Der neue Verhaltenskodex liest sich wie eine Ermahnung an alle: Redet weniger und handelt schneller. Schluss soll sein mit langweiligen Tischumfragen, bei denen alle Regierungen zu Wort kommen - und die wenigsten konzentriert zuhören. Bilaterale Differenzen sollen vor und nicht während der Konferenzen ausgeräumt werden. Die Arbeitsgruppen sollen strittige Dossiers nur dann an die Botschafter weiterleiten, wenn dort eine Einigung möglich erscheint.

Diplomaten hegen ihre Zweifel, ob wirklich alles anders und effizienter wird. Die Sorge geht um, dass viele weitermachen wie bisher und der ganze Apparat noch zäher läuft. Auch dafür gibt es Anzeichen: Größtes Kopfzerbrechen bereitet den EU-Regierungen der Umgang mit der Sprachenvielfalt. Nicht mehr in elf, sondern nunmehr in 19 Sprachen muss bei den Ministertreffen simultan übersetzt werden. Es fehlt an Räumen und an qualifizierten Dolmetschern, die beispielsweise vom Lettischen direkt ins Portugiesische übersetzen. Im Juni sollen die Griechen als EU-Vorsitzende den Vorschlag für ein neues Sprachensystem vorlegen. Schon den Dänen war dies Ende 2002 nicht gelungen. Eine pragmatische Lösung scheiterte immer an politischen Widerständen. Angeführt von Deutschland und Spanien, wehren sich alle gegen den Verlust der Bedeutung ihrer Sprache auf der EU-Bühne.

So kristallisiert sich ein Kompromiss heraus, den Deutschland begrüßen würde: Jedes Land zahlt aus dem eigenen Haushalt seine Dolmetscher. Niemand wagt sich an das einfachste Modell heran, dass für die außen- und sicherheitspolitischen Diplomaten längst Usus ist. Sie reden im Politischen und Sicherheitspolitischen Komitee (PSK), egal welcher Nation sie angehören, Englisch oder Französisch - und dies ohne lästigen Kopfhörer mit der Stimme des Übersetzers im Ohr.

Quelle: Handelsblatt

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