1949 bis 1969
Neuanfang und Wiederaufbau

Es sind große Versprechen, mit denen Ludwig Erhard im Nachkriegsdeutschland in den Wahlkampf zieht: „Die Arbeitslosigkeit wird sinken“, „Die Preise werden fallen“ und „Mit tödlicher Sicherheit: Neue Belebung“.

doh/ost DÜSSELDORF. Schon als Leiter der „Sonderstelle Geld und Kredit“ beim Wirtschaftsrat im hessischen Bad Homburg bereitet der parteilose Erhard, der erst in den 60er-Jahren in die CDU eintritt, die Währungsreform vor und wird zum "Schöpfer" der Deutschen Mark. Als er im Frühjahr 1948 Direktor der Bizone wird, beginnt er zielstrebig, sein wirtschaftspolitisches Konzept umzusetzen: die Soziale Marktwirtschaft. Sein Leitbild, so sagt er, sei "nicht nur das ,freie Spiel der Kräfte, sondern die sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen lässt". Mit "sozial" meint Erhard: Der Fortschritt der Wirtschaft muss dem Verbraucher zugute kommen.

Erreichen will er das nicht mit Sozialabgaben, sondern mit Wettbewerbspolitik und stabilem Geldwert. Mit der Währungsreform vom 20. Juni 1948 und der Beseitigung der Bewirtschaftungsvorschriften und Preisfesseln wird der wirtschaftliche Wiederaufstieg möglich. Er verschafft sich die Freiheit, praktisch nach eigenem Ermessen über die Preisbindung für viele Produkte und Dienstleistungen zu entscheiden. Ohne Absprache mit den Alliierten hebt er die Rationierung auf. Sein Plan geht auf: Die Lager werden geräumt, die Waren freigegeben, Geld wird in Umlauf gebracht, die Produktion gesteigert. Die explosionsartige Vermehrung der Waren lässt den Eindruck eines "Wunders" entstehen.

Gelöst sind die Probleme der deutschen Wirtschaft aber längst nicht: Die Preise steigen, der Arbeitsmarkt entwickelt sich Besorgnis erregend. Gewerkschaften rufen mit Parolen wie "Freie Wirtschaft ist kein Freibrief" zum Streik auf. Kurz nach der Währungsreform gerät Erhard von allen Seiten unter Druck, selbst in den eigenen Reihen.

Doch Erhard behält Recht: 1949 steigt das Wirtschaftswachstum kräftig, die Preise sinken, der Schwarzhandel geht zurück, die Produktivität nimmt zu. Für ihn ist es kein Wunder, sondern das Ergebnis einer konsequenten Politik - und der Arbeit tatkräftiger Menschen. Die erste Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer hält an der marktwirtschaftlichen Linie fest. Die Förderung der Kapitalbildung, die Pflege des Außenhandels, die Unterstützung des Mittelstandes und der Bauern - diese Aufgaben betont "der Alte" in seiner ersten Regierungserklärung. Tatsächlich ändert der Bundestag 1950 das Einkommen- und Körperschaftsteuergesetz. Nicht entnommene Gewinne aus Betrieben werden begünstigt, die Investitionsbereitschaft durch Eigenfinanzierung wird somit gefördert - diese Änderung erweist sich als Grundlage des wirtschaftlichen Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland.

Die goldenen 50er-Jahre brechen an: Es ist die Zeit der Unternehmensgründungen, Hinterhof-Firmen steigen innerhalb weniger Jahre zu nationalen Konzernen auf. Die Autoindustrie wird zur wichtigsten Branche der westdeutschen Wirtschaft. Das Auto wird zum Massenprodukt, die Deutschen entdecken das Reisen.

Ein wichtiges innenpolitisches Vorhaben setzt Kanzler Adenauer Ende dieses Jahrzehnts durch: die dynamische Rente - eine Weichenstellung für die deutsche Rentenpolitik. Er will damit den Lebensstandard von Millionen Rentnern heben, die im Schatten des Wirtschaftswunders nicht einmal den Richtwert der Sozialfürsorge erreichen. Der Reform geht ein langer Kampf voraus, an dessen Ende Union und SPD geschlossen der Reform zustimmen. Adenauers schärfster Widersacher, dem er im Bundestag sogar ein Disziplinarverfahren androht, ist sein Wirtschaftsminister Erhard.

1963 löst dieser Adenauer als Kanzler ab. Nach seiner erfolgreichen Ministerzeit sind die Erwartungen enorm hoch. Er kann sie jedoch nicht ausreichend erfüllen - Kritiker vermissen einen überzeugend neuen Regierungsstil. Nach nur drei Jahren ist die Kanzlerschaft zu Ende, Erhard kann sich mit seinem Koalitionspartner FDP nicht über die Haushaltspolitik einigen, die Koalition zerbricht.

Die große Koalition aus SPD und CDU regiert nun das Land, angeführt von Kurt Georg Kiesinger und SPD-Vizekanzler Willy Brandt. Mit dem 1967 erlassenen Gesetz zur Förderung von Stabilität und Wachstum versucht die Bundesregierung, den Konjunkturabschwung zu bremsen, die Preise zu stabilisieren - und ist damit erfolgreich.

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