20 Stationen in vier Tagen
Glänzende Umfragewerte krönen Schröders Ost-Reise

Am Abend des vierten Tages vernahm Gerhard Schröder ungewohnte Klänge: Erstmals seit Beginn seiner Sommerreise durch die neuen Länder gab ihm jemand Widerworte. Als "Phrase der Mächtigen" kritisierte die Autorin Marion Titze-Kleinschmidt die Aussage des Kanzlers, es gebe ein "Menschenrecht auf Irrtum". Die Stimmung auf der mit Weinreben überdachten Terrasse der Akademie Sonneck war kurzzeitig getrübt.

afp NAUMBURG/GÖRLITZ. Die Schriftstellerin hatte den Kanzler unterbrochen, als dieser gerade seinen Fortschrittsbegriff erläutern wollte. "Sie haben mich gefragt, ich möchte auch antworten dürfen. Darf ich?" fragte der Kanzler mit Nachdruck in der Stimme. Er durfte, und so verlief auch der Abend mit den elf ostdeutschen Autoren hoch über der Stadt Naumburg letztendlich ebenso harmonisch wie die gesamte erste Hälfte der Sommer-Rundreise.

Auch die gebetsmühlenartig wiederholte Kritik aus der CDU-Zentrale, die Tour gehe an den Problemen vorbei, ließ den Kanzler unbeeindruckt. Die Bilder der Woche zeigten die Menschen auf den Straßen, die ihn - egal, wo er ankam - begeistert empfingen. Auch die politische Konkurrenz vor Ort mochte die Kritik aus Berlin nicht teilen. "Wie ich ihn hier in Naumburg erlebt habe, habe ich schon das Gefühl, dass ihm die neuen Länder eine Herzenssache sind", sagte der CDU-Oberbürgermeister der 30.000-Einwohner-Stadt, Curt Becker. "Wir haben hier nun mal keine Industriebrachen, die wir zeigen könnten." Der Kanzler habe Mut gemacht, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, sagte Becker, der nach der Wende aus Baden-Württemberg in seine Geburtsstadt zurückgekehrt war.

Mit zuversichtlicher Botschaft im Gepäck durch den Osten

Nach einem ausführlichen Rundgang durch Altstadt, Museum und den Dom von Naumburg verkündete Schröder einmal mehr die Botschaft seiner Reise: "Es gibt eine Menge Probleme, aber das Glas ist nicht halb leer, sondern halb voll." Zuhören, Anregungen mitnehmen und Mutmachen - 20 Stationen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt absolvierte der Kanzler bislang auf seiner Sommerreise, die am Freitag an der deutsch-polnischen Grenze in die Halbzeit ging. Ob Jugendarbeitslosigkeit, Weinbau, Straßenbau, Hochschulen, die EU-Osterweiterung und natürlich der Kampf gegen Rechtsextremismus - kaum ein Thema war in den ersten fünf Tagen nicht vertreten.

Kein Fotomotiv auf der Strecke wurde ausgelassen: An der Zeddenbach-Mühle auf halber Strecke einer Radtour wurden gerade die Pferde beschlagen. "Das ist wirklich Zufall, der Termin war schon ganz lange fest," versicherte Schmied Hubert Schwarzer, der unter den Augen des Kanzlers die Hufe von "Rex" beschlug. Schröder bekam ein altes Hufeisen von "Rex", der Schmied ein Bier vom Kanzler, dann radelte der Tross weiter.

Kanzler verfestigt sein Image vom Retter in der Not

Unterwegs sammelten Schröders Mitarbeiter Anfragen und Bitten ein, die von den Menschen vorgebracht wurden. "Wir prüfen alles, vielleicht können wir ja helfen", sagte Schröder. In einem Fall konnte Kanzleramtsminister Rolf Schwanitz noch unterwegs erste Fortschritte verkünden: In dem von der Schließung bedrohten Kaliunternehmen Deusa könnten die 102 Beschäftigten am Montag die Arbeit wieder aufnehmen. Binnen zehn Tagen solle unter Moderation des Kanzleramtes ein Sanierungskonzept erarbeitet werden. Am Mittwoch hatten Betriebsräte vor dem Rathaus im thüringischen Nordhausen demonstriert, nachdem die Produktion eingestellt werden musste.

Kein Fall wie Holzmann, aber einer, der zum Image des Kanzlers als Retter in der Not passt. Dass alles derzeit irgendwie in die richtige Richtung geht, wurde Schröder einmal mehr am Freitag bestätigt. Zum Mittagessen in Görlitz ließ er sich das neue ZDF-Politbarometer reichen, las es kurz durch und widmete sich dann zufrieden seiner Suppe. Spitzenwerte für die Bundesregierung, für die SPD und für ihn selbst auf der Liste der wichtigsten Politiker - das Stimmungshoch scheint anzuhalten.

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