20 Teamchefs tippen auf Armstrong
Ullrich schweigt sich aus

Es verbleiben lediglich drei sportliche Leiter die Jan Ullrich überhaupt noch einen Platz auf dem Podium in Paris zutrauen. Den Glauben hat vor allem sein Chef Walter Godefroot der Ullrich in naher Zukunft auf dem zweiten Platz sieht. Zwei weitere Male wurde er noch auf den zweiten Platz getippt. Ein besonderer Tiefschlag dürfte für Ullrich die Tatsache sein, dass Mannschaftskollege Andreas Klöden seinem Kapitän im Gesamtklassement und in der Gunst der sportlichen Leiter den Rang abgelaufen hat.

HB ORANGE. Entgegen sonstiger Gewohnheit verweigerte Ullrich der Presse im Teamhotel in Grignan Rede und Antwort und setzte sich dem Verdacht aus, ein schlechter Verlierer zu sein. Er hätte am ersten Ruhetag vor einer Woche eine Pressekonferenz gegeben, liege zur Zeit hinter Klöden auf Rang acht des Gesamtklassements und sehe deshalb keinen Grund für einen Gedankenaustausch, ließ der Olympiasieger über Team-Sprecher Olaf Ludwig der internationalen Presse ausrichten.Ullrich-Manager Wolfgang Strohband pflichtete ihm bei.

Als einziger der 21 Teamchefs legte sich Bjarne Riis sechs Tage vor dem Tour-Ende verständlicherweise nicht fest. Über die mögliche Zusammensetzung des Podiums in Paris zu spekulieren, "amüsiere" ihn nicht, sagte der dänische Toursieger von 1996. Er hat in Ivan Basso noch einen heißen Kandidaten im Rennen. 18 befragte Teamchefs trauen dem 26-jährigen Italiener und Armstrong-Freund am Ende Platz zwei zu, den Ullrich in seiner Karriere bisher fünf Mal belegt hatte. Ullrichs Einbruch in den Pyrenäen habe ihn nicht überrascht, erklärte CSC-Chef Riis. Im Jahr 2003 hatte er starkes Interesse an einer Verpflichtung Ullrichs, die aber an dessen finanziellen Forderungen gescheitert war. Der ehemalige Ullrich-Kapitän bewies im Umgang mit seinen Fahrern in den vergangenen Jahren mehrfach ein besonderes Händchen.

Im Vorjahr formte er aus dem Amerikaner Tyler Hamilton einen Armstrong-Herausforderer, in diesem Jahr aus Basso. Jens Voigt aus Berlin und Jörg Jaksche aus Ansbach erlebten in dieser Saison nach ihrem Wechsel zu CSC eine unerwartete sportliche Blüte und sorgten im Frühjahr mit Top-Ergebnissen für Aufsehen. Ähnlich wie Bobby Julich (USA), der bei Telekom im Vorjahr aufs Altenteil geschoben worden war. "Bei CSC wird man wie ein Erwachsener behandelt. Das war in meinen übrigen Teams oft nicht so", sagte der Tourdritte von 1998. Ex-Weltmeister Claude Criquielion (Belgien), Sportlicher Leiter von Lotto-Domo, fragt sich angesichts der drückenden Überlegenheit von Armstrong und dessen Team "nur noch, ob er auch ein 7. Mal die Tour gewinnen kann". Keiner der Befragten räumte dem augenblicklichen Träger des Gelben Trikots, Thomas Voeckler (Frankreich), Chancen auf einen der drei ersten Plätze in der Endwertung ein. Die "L'Equipe" schrieb deshalb am Montag einen "Wunschzettel an den Weihnachtsmann" und erbat sich den dritten Platz für Voeckler in Paris.

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