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2001: Odyssee durchs E-Business

"Als der Goldrausch am Yukon vorbei war, kam die Zeit derer, die mehr konnten, als zufällig dabei sein." Werbung des Online-Brokers E-Trade im November 2001.

DÜSSELDORF. An den Wänden tanzen Skelette, auf dem Parkett zappeln die Ameisen der digitalen Wirtschaft. Was kaum jemand ahnt: Die Cebit-Party des Jenaer Software-Herstellers Intershop am 25. März wird ein Omen sein für den Weg der New Economy im Jahr 2001. Die per Projektor an die Mauern einer Hannoveraner Großdisco geworfenen Comic-Knochenmänner will keiner so recht wahrnehmen - Feiern ist angesagt. Warum sich auch sorgen? Schließlich prophezeien Vorstandschef Stephan Schambach und Finanzvorstand Wilfried Beeck unter dem Jubel ihrer Mitarbeiter zu Beginn des Abends nach schweren Monaten bald bessere Zeiten.

Der Kater jedoch kommt schnell: Genau am Morgen danach bricht der Intershop-Kurs um 20 % ein - nach einer Umsatzwarnung.

Intershop: Nur einer der glamourumflirrten Helden der Neuen Wirtschaft, die in diesem Jahr im Angesicht des Absturzes weiter fröhlich Hof hielten - und mit diesem schlagzeilenträchtigen Hochmut vor dem Fall den E-Business-Verweigerern Munition lieferten.

Nie zuvor in der deutschen Wirtschaftsgeschichte erlebte ein ganzes Segment eine solch rasante Achterbahnfahrt wie die E-Branche 2001: Es war ein Jahr der spektakulären Absteiger, der stillen Umsteiger und der oft noch stilleren E-Business-Sieger.

Gerade die Lautsprecher der Neuen Wirtschaft erwischte es am härtesten - Peter Kabel, zum Beispiel: "Jetzt können wir zeigen, dass wir auch bei Sturm unser Schiff auf Kurs halten können", protzte der Selfmade-Multimedialist im Februar beim Interview mit Netzwert. Am 2. Juli entzog man ihm das Kapitänspatent: Insolvenz.

In der Hitze des Sommers kamen solche Meldungen über Pleiten, Pech und Massenentlassungen fast im Stundentakt, genauso wie Spekulationen über Gaunereien und Nachrichten über Ermittlungen der Staatsanwälte, über gefälschte Zahlen und Schwindel erregende Verluste. Ein Höhepunkt: Ende Juli meldete der Glasfaserspezialist JDS Uniphase das gewaltigste Minus eines Unternehmens in der US-Geschichte: 50,6 Mrd. $.

Die Börsen reagierten panisch, die im Vorjahr hochgejubelten Kurse fielen ins Bodenlose. Mit in die Ungewissheit gerissen wurden die zuvor hofierten Finanziers der Venture-Capital-Branche (VC). Zur besten Zeit gelang es den VC-Gesellschaften, prominente Mitstreiter wie den ehemaligen T-Online-Chef Thomas Keuntje ins Boot zu holen. Doch dann schwand die Aussicht, in Unternehmen zu investieren und schnell über eine Börsengang wieder auszusteigen - die Finanziers erstarrten. Symbolisch das Jahr von Ex-Mannesmann Klaus Esser: Fast zwölf Monaten arbeitet er nun bereits beim Kapitalgeber General Atlantic - und hat noch keine Mark investiert.

Ähnlich ratlos präsentierte sich im vergangenen Jahr mancher Großkonzern. Sogar der selbst ernannte E-Vorprescher Bertelsmann glänzte durch fehlende Orientierung. Vor allem die zunächst viel gelobte Unterstützung der mit Klagen überhäuften Musiktauschbörse Napster geriet zur Lachnummer. Der Dienst ging vom Netz, erhielt einen neuen Chef - und ist bis heute nicht wieder online. Schließlich musste Andreas Schmidt gehen, der in weiten Teilen des Unternehmens wegen seines überdimensionierten Egos wenig geliebte Chef der E-Commerce-Group. In Gütersloh wird geunkt, Bertelsmann setze künftig auf B2B: Back to Buchclub.

Sogar die Deutsche Bank wurde von der Technologie beherrscht - nicht umgekehrt. Das heftig beworbene Privatkundenportal Moneyshelf mutierte zum Komplett-Flop, interne Projekte wie die Verschmelzung der einzelnen IT-Plattformen wurden ebenfalls nicht zum Ruhmesblatt. Auch der Pharma-Konzern Aventis scheint unzufrieden: Klammheimlich wechselte er im Oktober seinen IT-Vorstand Ragnar Nilsson aus - einen der profiliertesten CIO Deutschlands. Offenbar war man unzufrieden mit den Rationalisierungsfortschritten bei der Einführung neuer Technologien.

Kein Wunder, dass mancher deutsche Manager noch immer argwöhnisch auf optimistische Studien über das Wachstum des E im Geschäftsleben blickt. Im Laufe des Jahres wandelte sich für viele sogar die Skepsis in Panik: IT-Sicherheit war eines der bestimmenden Themen 2001. Erst waren es Hackerattacken und Viren, die manchem Entscheider Angst um die Firmendaten einjagten. 63 % der vom Online-Meinungsforschungsunternehmen Dialego im Auftrag von Netzwert befragten E-Manager gaben an, schon einmal von einer der beiden Plagen heimgesucht worden zu sein.

Im Frühjahr folgte dann die Furcht vor Onkel Sam: Immer hitziger wurde die Debatte um Echelon, das Abhörsystem, mit dem die USA einen großen Teil des internationalen E-Mail-Verkehrs mitlesen. Weltweit als erstes Medium berichtete Netzwert im März über die Pläne von US-Präsident George Bush, ein virtuelles Schutzschild über den IT-Einrichtungen von Behörden und Unternehmen in den USA zu errichten. Ebenfalls zuerst veröffentlichte Netzwert kurz darauf die Reaktion von EU-Kommissar Erkki Liikanen, ein europäisches Frühwarnsystem gegen Hacker und Viren zu forcieren. Die Angst vor digitalen Terror-Attacken steigerten nach dem 11. September noch einmal das Interesse an IT-Sicherheit.

Viel zu oft gingen in der Hysterie um Dotcom-Pleiten und der Furcht vor Sicherheitslücken aber die zahlreichen E-Business-Gewinner unter. Als positivste Überraschung 2001 sieht Roman Zeller, Vize-Präsident der Unternehmensberatung Bain, "dass fast alle Dax-30-Konzerne ihre E-Business-Budgets nicht gekürzt haben, sondern die Implementierung weiter voran treiben". Andreas Biagosch, E-Business-Experte bei McKinsey, beobachtet: "Der Elan der Großen ist zwar durch die Rezession gebremst worden, aber noch längst nicht vergangen."

Axel Wullenkord, Chef von Ec4ec, einer Online-Plattform für den Maschinenbau, ergänzt: "Nicht nur Großunternehmen, sondern auch viele klein- und mittelständische Unternehmen investieren in E-Business, und bei ihnen können die Lösungen teilweise sogar schneller umgesetzt werden."

Doch bei vielen von ihnen ist das E im Geschäft schon derart Alltag, dass nicht mehr groß darüber geredet wird, egal ob es der Kompressorenhersteller Boge oder der Gastronomie-Zulieferer Stöver ist. Ein großer Teil der Nicht-Fachleute erwartet wohl auch kaum, dass Marktplätze für den Handel zwischen Unternehmen bereits schwarze Zahlen schreiben - doch nicht nur die Bonner Goodex behauptet dies von sich. Olaf Koch, E-Business-Chef bei Daimler-Chrysler, konstatiert "ein rapides Wachstum im E-Business-Geschäftsvolumen, sowohl intern als auch extern".

Auch einer der wenigen erfolgreichen Börsengänge des Jahres verdankt einen großen Teil seines Erfolgs dem E-Business. Dank konsequenter Digitalisierung der Beschaffungs- und Logistikkette schlägt der spanische Modekonzern Inditex bei seinen Modehäusern Zara die Kollektion so schnell um wie kein Konkurrent. Folge: Beim Börsenstart kostete ein Inditex-Anteil 18 , derzeit rund 22 .

Kein Wunder, dass von Resignation unter den E-Business-Verantwortlichen nichts zu spüren ist. "Dieses Jahr hat das E-Business nicht ruiniert - aber die Börsenbegeisterung", sagt McKinsey-Experte Biagosch. Daimlers E-Business-Chef Koch gibt sich kämpferisch: "Das Jahr 2002 steht im Zeichen des Ausbaus."

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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