2002 sorgte für Anlegerfrust
Schüttelfrost statt Börsenfieber

Kurskatastrophen, schlampige Wirtschaftsprüfer und Aktiensteuer - das Jahr 2002 ist auch das Jahr des Anlegerfrustes. Wenige Jahre, nachdem das Börsenfieber in Deutschland so richtig ausbrach, beutelt gerade die zahlreichen Einsteiger ein heftiger Schüttelfrost.

HB/dpa FRANKFURT. Etwa eine Millionen Aktionäre verließen in diesem Jahr das rutschige Börsenparkett, einige mit Sicherheit für immer. "Mit der Aktienkultur müssen wir wieder sehr weit unten anfangen", klagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).

Der Unmut schlägt sich in nackten Zahlen nieder. Seit dem Platzen der Kursblase im März 2000 kehrte etwa jeder vierte der damals 6,2 Millionen Aktionäre der Börse den Rücken. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres verließen etwa 700 000 Kleininvestoren das Parkett. Das geht aus einer Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) hervor. Mit 4,7 Millionen Aktien-Besitzern ist in etwa wieder das Niveau von 1998 erreicht.

Die größte Bürde für den Finanzplatz Deutschland bleibt das tiefsitzende Misstrauen - gegen Unternehmensbilanzen, unehrliche Manager und die Fähigkeiten des deutschen Rechtssystems. Die "Erfolgs"-Bilanz der Justiz schreckt höchstens die Anleger: Keine Entschädigung aus Manager-Privatschatullen und selten eine Haftstrafe - gerade in Deutschland kamen die Blender und Zahlenfälscher des Neuen Marktes meist glimpflich davon.

Bestenfalls die Verurteilung des ehemaligen Comroad-Chefs Bodo Schnabel zu sieben Jahren Haft kann als Erfolg der Justiz durchgehen. Auf Schnabels Konto geht die bislang dreisteste Bilanzfälschung mit frei erfundenen Umsatz-Milliarden. Dafür scheiterte der Schadenersatzprozess gegen zwei Ex-Manager des Software-Unternehmens Infomatec. Diese hatten Anleger mit falschen Angaben in Pflichtmitteilungen getäuscht.

"Es kann nicht sein, dass sich die großen Gewinner der Spekulationsblase, die auch mit gezielten Falschinformationen reich geworden sind, neue Häuser bauen, während Rentner einen guten Teil ihrer Ersparnisse verloren haben", wettert der hessische Staatskommissar für Börsenaufsicht, Klaus-Dieter Benner. Wegen mangelnder Abschreckung und unzureichender Strafverfolgung der schwarzen Schafe machen seiner Ansicht nach selbst internationale Investoren mittlerweile einen weiten Bogen um die Bundesrepublik.

Es wird schwer, die Folgen der Enttäuschung wieder zu kitten. "Nichts ist so teuer wie der Vertrauensverlust des letzten Jahres", warnt Börsenchef Werner Seifert. DAI-Direktor Franz-Josef Leven ergänzt, "es ist leichter, zehn Kilogramm Vertrauen zu zerstören, als auch nur ein Gramm wieder aufzubauen."

Seifert macht sich deshalb für mehr staatliche Kontrolle der in die Kritik geratenen Wirtschaftsprüfer stark. "Der Markt selbst produziert keine vertrauenswürdigen Jahresabschlüsse", begründet er seine Forderung. Der scharf unter Beschuss geratene Berufsstand der Analysten kämpft ebenfalls um ein besseres Image. Im November verabschiedete der Branchenverband DVFA einen Berufskodex, der den Analysten strengere Verhaltensregeln auferlegt.

Wie groß der Groll der Aktionäre ist, bekam zuletzt der ehemalige Telekom-Chef Ron Sommer zu spüren. Er kürzte den Anteilseignern die Dividende und genehmigte sich und den übrigen Vorstandsmitgliedern hohe Aktienoptionen. Daraus wurde im Wahlkampf ein Politikum - Sommer kippte aus dem Chefsessel, die Parteien entdeckten die frustrierten Anleger als potenzielle Wähler. Die Versprechungen reichten von einer Art Bilanzpolizei bis hin zu Schadensersatz aus Manager- Privatvermögen, heraus kam nach der Wahl zunächst einmal eine Steuer auf Aktiengewinne.

Dennoch ist die Aktie als Anlageform nicht dauerhaft aus dem Rennen, meint der Mannheimer Professor Martin Weber, Spezialist für Finanzwirtschaft. Klettern erst einmal die Kurse wieder, kämen auch die Privatinvestoren zurück aufs Parkett. Allerdings dürfte der Börsenkater noch eine Weile anhalten, meint SdK-Mitglied Keitel. "2002 ist auch das Jahr des endgültigen Abschieds von völlig überzogenen Renditevorstellungen."

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