2002 war das Jahr des Generationswechsel in der deutschen Finanzbranche
Krisenmanager übernehmen das Ruder

Hohe Verluste, zu viele Filialen und Mitarbeiter, Absturz an der Börse - Die deutschen Banken haben derzeit schwer zu kämpfen. Mitten in der Krise haben fast alle Institute den Chef ausgewechselt. Die Neuen liefern sich einen Wettlauf ums Überleben.

MÜNCHEN/FRANKFURT. Ein übergroßer Weihnachtsbaum in der Eingangshalle soll für Feststimmung sorgen. Doch in der Münchener-Allianz-Zentrale herrschte am Mittwoch vergangener Woche Hektik statt Besinnlichkeit. Völlig überraschend hatte Henning Schulte-Noelle, der als mächtigster Manager Deutschlands gilt, seinen Rückzug angekündigt.

Nicht nur die Aufsichtsräte der Allianz hatten keine Ahnung, auch die Mitarbeiter traf die Nachricht unvorbereitet. Ab April wird Michael Diekmann - seit 15 Jahren im Konzern - das Ruder übernehmen. Der 47-jährige Wunschkandidat von Schulte-Noelle muss den Versicherungsriesen jetzt aus der schweren Krise führen. Größtes Problem: Die im vergangenen Jahr übernommen Dresdner Bank mit ihren enormen Verlusten. Weitere harte Schnitte sind unausweichlich, das weiß auch Diekmann.

Die alte Regel, dass der Kapitän auf hoher See nicht wechseln darf, gilt schon lange nicht mehr. Mitten in der tiefsten Krise seit über 50 Jahren haben fast alle großen Finanzkonzerne in Deutschland den Chef ausgetauscht. Beim Branchenprimus Deutschen Bank folgte Josef Ackermann auf Rolf-E. Breuer. Dieter Rampl wird ab Januar Albrecht Schmidt an der Spitze der Hypo-Vereinsbank (HVB) ersetzten. Bei der Commerzbank übernahm Klaus-Peter Müller schon 2001 das Ruder.

Den Aufsteigern bleibt aber kaum Zeit, sich über den Karrieresprung zu freuen. Es brennt an allen Ecken und Enden. Wo die Ursachen für die tiefe Krise liegen, ist klar: Die Pleitewelle in der Wirtschaft lässt die Zahl fauler Kredite nach oben schnellen. Dazu kommt die Dauerbaisse an den Börsen, die auch die Versicherer hart trifft. Verschärft wird die fatale Mischung durch die chronischen Strukturprobleme: Im internationalen Vergleich hat Deutschland viel zu viele Banken mit viel zu vielen Filialen. Die Folgen: Rote Zahlen, Sparmaßnahmen mit Massenentlassungen, Absturz der Finanzaktien.

International sind die deutschen Geldhäuser in die Bedeutungslosigkeit gerutscht. Heute genießt nur noch ein Institut Weltruf: Die Deutsche Bank. Doch der neue Chef, Josef Ackermann, weiß ganz genau, dass auch er bei den Weichenstellungen im internationalen Finanzgewerbe derzeit keine aktive Rolle spielen kann. Auch die Deutsche Bank ist Opfer der deutschen Krankheit, das zeigen die Verluste im dritten Quartal.

Als Ackermann im Mai 2002 endlich die Breuer-Nachfolge antritt, hat die Deutsche Bank ein 20 Monate langes lähmendes Interregnum hinter sich. Um so schneller macht sich der 54-jährige Schweizer an die Arbeit, als er endlich offiziell das Ruder übernimmt. Ein letzter Machtkampf im Vorstand, dann ist klar, dass Ackermann der mächtigste Chef sein würde, den die Deutsche Bank je hatte. Das Programm des Neuen: Die Bank soll sich auf acht Kerngeschäftsfelder konzentrieren. Alles übrige wird geschlossen oder verkauft.

Der Schweizer legt ein hohes Tempo vor, das auch bei den Analysten gut ankommt: "Ackermann sagt was er tut, und tut was er sagt". Doch über dem gelobten Reformer braut sich ein Gewitter zusammen. Falls die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wirklich Anklage wegen Untreue im Fall Mannesmann erhebt, könnte die Ära Ackermann plötzlich sehr viel schneller zu Ende gehen als erwartet.

Früher als erwartet endete die Zeit Schmidts an der Spitze der HVB. Nicht erst im Mai, sondern bereits Anfang Januar gibt er den Chefsessel für Rampl (55) frei. Der gebürtige Österreicher hat jede Menge zu tun. Der Münchener Bankkonzern, der tief in den roten Zahlen steckt, wird erneut umgebaut. Das Geschäft mit der professionellen Immobilienfinanzierung soll in eine eigene Bank ausgegliedert werden. Alle Randaktivitäten, etwa die Online-Bank DAB oder die Noris-Bank, werden verkauft. Dazu kommt: Die HVB leidet besonders stark unter der Insolvenzwelle, hat sie doch das größte Kreditportfolio aller Banken.

Wie eigenständig Rampl den neuen Kurs des Konzern bestimmen kann, muss sich aber erst noch erweisen. Denn quasi im Handstreich machte sich Schmidt zum neuen Chef des Aufsichtsrats, um hinter den Kulissen die Geschicke des Konzerns weiter lenken zu können. Die offizielle Wahl Schmidts wird erst auf der nächsten Hauptversammlung nachgeholt - was dem Konzern viel Kritik einbrachte.

Commerzbank-Chef Müller kämpft auch anderthalb Jahre nach dem Sprung an die Konzernspitze mit den Problemen, die ihm sein Vorgänger Martin Kohlhaussen hinterlassen hat. Kohlhaussen verteidigte die Selbständigkeit des Instituts um jeden Preis. Jetzt meinen viele Analysten, dass die kleinste der deutschen Großbanken zum Sterben zu groß und zum Leben zu klein ist. Kritisiert wird die fehlende Strategie für die inzwischen schwer angeschlagene Commerzbank. "Die machen alles, können aber nur wenig richtig gut", lautet der Vorwurf. Inzwischen spekuliert auch Müller öffentlich über die "theoretische Logik" einer Fusion mit der HVB.

Erst einmal müsse die Commerzbank an ihren Probleme arbeiten, heißt es dazu in München. Vor allem eine Lösung für das defizitäre Investment-Banking müsse her. Ohnehin hat das letzte Wort für eine Bankenehe zwischen HVB und Commerzbank die Münchener Rück. Der Rückversicherer ist der größte Aktionär beider Banken.

Münchener-Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzler, inzwischen der letzte der alten Vorstandsgarde, steht noch vergleichsweise gut da. Seit bald zehn Jahren ist der 62-Jährige im Amt. Auch bei der Neubesetzung der Chefposten bei HVB und Allianz hat Schinzler ein Wörtchen mitgesprochen. Eine Diskussion über seine eigene Nachfolge konnte er bislang verhindern. Aber Überraschungen gibt es ja immer wieder. Schulte-Noelle hat es vorgemacht.

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