2002 war ein ganz schwaches Jahr für Neulinge am Aktienmarkt – das kommende Jahr wird kaum besser
Schlechte Aussichten für Börsengänge

Das Geschäft mit Neuemissionen war im ablaufenden Jahr eine Enttäuschung. Ganze sechs Unternehmen gingen den Weg an den deutschen Aktienmarkt. Mit 226 Millionen Euro lag das Volumen noch einmal um 90 Prozent unter dem ohnehin schon schlechten Vorjahr. Auch 2003 dürfte es kaum besser werden, sagen Experten.

FRANKFURT/M. Weniger Börsengänge hat es in Deutschland zuletzt vor 20 Jahren gegeben. Seit 1982 war die Zahl der sogenannten Initial Public Offerings (IPOs) nicht mehr so niedrig wie in diesem Jahr. Die ganze Branche von Investmentbanken über Juristen bis hin zu PR-Beratern, die während der Emissionswelle in den Jahren 1999 und 2000 satte Gewinne einfuhren, liegt am Boden. "Das Volumen für das Gesamtjahr liegt da, wo in unserem Haus die Mindestgrenze für eine Aktienneuemission liegt", sagt Georg Hansel von der Deutschen Bank.

Bereits der Start ins Neuemissions-Jahr 2002 ging daneben. Der spanische Porno-Produzent Private Media und die BHW Bausparkasse zogen bereits im Februar ihre geplanten Kapitalerhöhungen zurück. Die Emission des Windenergie-Spezialisten Repower Systems setzte zwar Ende März ein Highlight. Es blieb aber auch das einzige im gesamten Jahr. Lediglich die Freiburger Solar-Fabrik im Juli fand bei Investoren noch ein gewisses Maß an Zuspruch. Der Rest - Uniprof Real Estate, AIG International Real Estate, VCH-Best of VC und Erotic Media - wurde von den Anlegern missachtet.

Bei Uniprof, VCH und Erotic Media handelte es sich um Kleinstemissionen. AIG International Real Estate hatte zum Zeitpunkt des Börsenganges im Juli noch nicht einmal den Geschäftsbetrieb aufgenommen. Das Unternehmen konnte als Kaufargument lediglich auf den bekannten Namen des Mutterkonzerns AIG verweisen.

Weitere Kuriositäten hatte dieses Emissionsjahr parat: Nur Repower und die Solar-Fabrik boten ihre Aktien im Bookbuilding-Verfahren an. Damit konnten die Anleger schon vor der Erstnotiz Einfluss auf den Preis nehmen. Die anderen Firmen bestimmten dagegen einen Festpreis. "Das ist international absolut unüblich", sagt Tobias Frisch von Kirchhoff Equity Consult. Dementsprechend einhellig waren die Kommentare der Analysten: Der Festpreis sei jeweils zu hoch angesetzt, stellten sie kurzerhand fest.

Ebenfalls auffällig war, dass AIG International Real Estate und VCH die Emission durchzogen, obwohl nur etwa ein Viertel der angebotenen Aktien verkauft wurde. Das wäre in "normalen" Emissionsjahren undenkbar gewesen und verdeutlicht, wie dringend beide Unternehmen auf den Emissionserlös angewiesen waren.

Das Gros der potenziellen Emissionskandidaten kann allerdings im derzeit katastrophalen Marktumfeld auf einen Börsengang getrost verzichten. Entsprechend zurückhaltend äußern sich die Kommentatoren mit Blick auf das IPO-Jahr 2003 in Deutschland. "Wir haben zwei bis drei Kandidaten in der Pipeline, die darauf warten, dass sich die Aktienmärkte erholen", sagt Tobias Frisch. Normalität wäre für ihn dann wieder eingekehrt, wenn die Emissionstätigkeit ein Niveau wie Anfang und Mitte der Neunziger erreichen würde, als es zwischen 10 und 30 Börsengänge gab.

Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. "Die ersten sechs Monate bleiben schwierig, dann könnte es besser werden", sagt Georg Hansel. Allgemein rechnet er nicht damit, dass das kommende Jahr eine deutliche Wende gegenüber 2002 bringt. "Gute und große Emissionen werden wir erst wieder 2004 sehen", sagt er.

Mehrere Gründe sind dafür verantwortlich. Kleinanleger zeichnen nach den vielen negativen Erfahrungen am Neuen Markt kaum noch Aktien. Bisher machte deren Anteil in vielen Fällen ein Drittel des Volumens aus. Lediglich institutionelle Anleger treten hier und da als Käufer auf. Deren Zurückhaltung liegt jedoch darin begründet, dass für sie das Volumen vieler Emissionen vollkommen uninteressant ist. Viele Small-Cap-Fonds, die bisher in diese Werte einstiegen, wurden zudem in diesem Jahr geschlossen, was gerade Kleinstemissionen zu spüren bekamen. Für die meisten institutionellen Investoren lohnt der Einstieg erst ab einem Mindest-Free-Float und damit an der Börse handelbaren Aktien zwischen 100 und 200 Mill. Euro.

Aber auch Konjunktur und Politik erschweren den Börsenkandidaten derzeit die Premiere. Investoren erwarten gerade im Jahr des Börsengangs gute Zahlen. Die sind bei vielen Unternehmen derzeit wegen der schlechten konjunkturellen Lage aber nicht zu erzielen. "Ein Investor will auf gar keinen Fall einen schlechten Start sehen", sagt Georg Hansel. Zudem ist derzeit gerade bei ausländischen Investoren häufig vom so genannten "deutschen Problem" die Rede, wenn es um das politische Umfeld geht.

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