21,6 Millionen Exemplare gebaut
Nachruf auf einen Buckligen

Die Tage des VW Käfer sind endgültig gezählt. In diesem Sommer läuft das berühmteste Auto der Welt im mexikanischen VW-Werk Puebla zum letzten Mal vom Band. Dann enden 70 Jahre bewegte Auto-Geschichte.

PUEBLA. Moises Ramírez legt die kräftige Hand sanft auf das Armaturenbrett. "Ein Wunderwerk", sagt er und streichelt das schwarze Plastik. Ramírez? Objekt der Bewunderung ist kein Formel-1-Bolide, sondern sein VW-Käfer. Baujahr 88, der Boxermotor luftgekühlt, Heckantrieb, Marienbildchen am Rückspiegel. "Ein Super-Auto. Es lässt dich nie im Stich, ist leicht zu reparieren und kommt überall lang", stimmt der 50-Jährige den Dreiklang des Käfer-Erfolgs in Mexiko an. Sein Urteil hat Autorität: Seit zwölf Jahren fährt Ramirez Taxi, immer nur Käfer. "Alles andere sind Wegwerfautos", sagt er.

Ramírez wartet mit seinem Käfer vor dem VW-Werk in der mexikanischen Stadt Puebla. Es ist die einzige Fabrik, in der das berühmteste Auto der Welt noch gefertigt wird. Noch. "Sie haben schon so oft gesagt, dass sie ihn einstellen, und schauen Sie, er wird noch immer gebaut. Nein, sie können ihn nicht einstellen."

Tun sie aber. Die Tage des "Vocho", des "Volkswägelchens", wie der Käfer im Volksmund heißt, sind gezählt. Diesen Sommer will der Autohersteller die Produktion stoppen. Für immer. Denn die Nachfrage geht seit zwei Jahren deutlich zurück. Setzte VW im Jahr 2000 noch 40 510 Käfer ab, waren es 2002 nur noch halb so viele. "Das liegt an dem ständig wachsenden Angebot im mexikanischen Markt", sagt Thomas Karig, Sprecher des VW-Werks in Puebla.

Zwar ist der Käfer mit einem Preis von rund 6 500 Euro noch immer der günstigste Neuwagen in Mexiko. Aber für weniger als 1 000 Euro mehr ist heute schon ein viertüriger Wagen mit mehr Komfort zu bekommen. Seit 1967 wird der Käfer in Puebla gebaut, rund 25 Jahre war er konkurrenzlos Marktführer im Lande. Das wurde erst in den 90er-Jahren anders, als sich mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta auch der Auto-Markt in Mexiko öffnete.

Wenn in Puebla der allerletzte Käfer vom Band rollt, enden 70 Jahre Auto-Geschichte. 1934 beauftragte der "Reichsverband der Deutschen Automobilindustrie" Ferdinand Porsche damit, einen "Volkswagen" zu konstruieren. Ein Jahr später ist der erste Prototyp fertig. 1938 macht Adolf Hitler aus dem Auto den "Kraft-durch-Freude-Wagen" - "ein nationalsozialistisches Propagandainstrument", so die VW-Werkschronik. Im Krieg baut Wolfsburg jedoch Kübelwagen, die große Stunde des Käfers schlägt im Wirtschaftswunder.

21,6 Millionen Exemplare seiner Art sind seither vom Band gelaufen. "Es ist vermutlich das meistgebaute, im Wesentlichen unveränderte Auto der Welt", sagt VW-Mann Karig. Im Stammland war jedoch vor 25 Jahren Schluss mit der Produktion, in Brasilien vor acht. Seither wird der Bucklige nur noch in Mexiko gebaut. Eine Million Käfer sind hier noch aktiv - in Deutschland sind es 85 000.

Die Erfolgsgeschichte in Mexiko begann idealtypisch: Nach der ersten deutsch-mexikanischen Industrieausstellung 1954 nahmen sieben VW an einer gut 3 000 Kilometer langen Wettfahrt bis an die Grenze zu den USA teil. Alle Käfer kamen problemlos ins Ziel - der Mythos war auch in Mexiko geboren. Heute sind viele Mexikaner davon überzeugt, dass der Käfer ein mexikanisches Auto ist. Zum Beispiel Joel Amaya. Er ist Vorsitzender des Vereins "Kraft-durch-Freude-Wagen", einem von rund hundert Käfer-Clubs in ganz Mexiko. Joel ist 33, seinen ersten Käfer hatte er mit 16. In einem heruntergekommenen Viertel der Hauptstadt betreibt er eine Kfz-Werkstatt und sein kleines Käfer-Museum. Es ist die Einfachheit des Klassikers, die Joel fasziniert. "Ein simpler Motor, eine robuste Karosserie". Dennoch hat er Verständnis dafür, dass VW die Produktion einstellt. "Wenn damit nichts mehr zu verdienen ist..."

Längst schon hat sich das Werk in Puebla vom Käfer emanzipiert. Sein Nachfolger New Beetle und der Jetta tragen heute die größte Fertigungsstätte von VW auf dem amerikanischen Kontinent. Hier stoßen Generationen von Autobau aufeinander. Der Jetta-Karosseriebau ist Hochtechnologie im Zeitraffertempo, robotergestützt. 500 Meter weiter wirkt Autobau wie Kunsthandwerk. Hier setzen Arbeiter im Blaumann wie in Gründertagen jeden Käfer von Hand zusammen. "Der Käfer war ein Symbol für VW", sagt Werkssprecher Karig ohne große Sentimentalität. Taxifahrer Ramírez will davon nichts hören. Er ballt die Faust und ruft in Richtung VW-Fabrik: "Der Käfer wird weiterleben."

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