30 000 zusätzliche Arbeitsplätze
Wachstumsbörsen sind die Treiber der New Economy

Aus der Sicht der bereits notierten Unternehmen bleiben die Technologiebörsen eine Erfolgsgeschichte. Vor allem der deutsche, der Neue Markt in Frankfurt wird sich als ernstzunehmender Konkurrent der Nasdaq etablieren.

Aller Kritik und den dramatischen Kursverlusten der vergangenen Monate zum Trotz: Die jungen Wachstumsbörsen Europas haben die Unternehmenslandschaft positiv verändert. Der Neue Markt in Frankfurt und seine kleineren Pendants in den anderen europäischen Ländern haben den Firmen der aufstrebenden Hightech-Branche den Zugang zu günstigen Finanzierungsmitteln geöffnet und damit erst die Grundvoraussetzung geschaffen, in den Wettbewerb mit der Konkurrenz aus Übersee zu treten. Die USA mit ihrer stärkeren Wagnisfinanzierungstradition hätte diesen Vorteil ohne die Euphorie an den europäischen Wachstumsmärkten noch deutlicher ausspielen können.

Dass diese Euphorie bei Unternehmen und Anlegern zeitweise den Blick für die Realität verstellt hat, war aber kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Dass der Abwärtstrend den Neuen Markt besonders hart traf, war hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Kurse in Frankfurt im Vergleich zur Nasdaq zuvor deutlich schneller gestiegen, die Übertreibungen noch stärker waren.

Kursverluste haben Vertrauen zerstört

Auch wenn die Risikobereitschaft der Anleger durch die Baisse einen empfindlichen Dämpfer erhalten hat, und auch wenn die "europäischen Nasdaqs" zurzeit als Finanzierungsquelle weitgehend ausfallen, sie haben eine neue Kultur geschaffen, die sich auch wiederbeleben wird. Dabei sitzt der Schock, ausgelöst durch Kursverluste und Firmenpleiten in Europa besonders tief. Der Weg von der Lizenz zum Gelddrucken, als die die Anlage an den jungen europäischen Technologiebörsen noch vor einem Jahr galt, zur grandiosen Kapitalvernichtung war sehr kurz.

Der Zeitraum reichte nicht aus, um eine echte Risikokultur zu etablieren. Durchschnittliche Kursverluste von mehr als 80 % innerhalb eines knappen Jahres zerstörten das Vertrauen fast vollkommen. Diesen Vertrauensverlust müssen die Anleger, die in vielen Fällen erst von Traumrenditen aus einer traditionell defensiveren Geldanlagestrategie in die Wachstumsmärkte gelockt wurden, erst einmal verdauen. Das bekommen Börsenaspiranten seit einigen Monaten deutlich zu spüren. Marktbeobachter gehen davon aus, dass in den letzten Monaten in Europa die Börsenpläne von mehr als 100 Unternehmen auf Eis gelegt worden sind.

Aus Sicht der bereits notierten Unternehmen bleiben die Technologiebörsen eine Erfolgsgeschichte, denn selbst in den schlechten Zeiten konnten die Gesellschaften an der Börse bedeutend mehr Kapital und zu günstigeren Konditionen erhalten als auf irgendeinem anderen Weg. Dass dieser Kanal der Mittelbeschaffung momentan verstopft ist, könnte jedoch auch für viele notierte Unternehmen das Aus oder zumindest das Ende der Eigenständigkeit bedeuten. Akquisitions- und Expansionshunger der meist jungen Gesellschaften ließen die Emissionserlöse zu schnell schmelzen. Kapitalerhöhungen sind zurzeit jedoch kaum möglich. Und auch die Banken, die am Emissionsboom gut verdient haben, wollen ihr Finanzierungsrisiko minimieren. Die Aktie als Sicherheit oder auch als Akquisitionswährung fällt aufgrund des Kursverfalls ebenfalls weitgehend aus.

Aktivitäten des deutschen Marktes größer als die der europäischen Mitbewerber



Das wird nicht ewig so bleiben, doch das Jahr 2000 wird wohl noch einige Zeit seinen Status als Rekordjahr an den europäischen Wachstumsbörsen halten können. Allein am dominierenden Neuen Markt in Frankfurt - er repräsentiert etwa 70 Prozent des gesamten Handels an europäischen Wachstumsmärkten - sammelten die knapp 140 Börsenneulinge fast 14 Milliarden Euro bei den Anlegern ein. Ein Jahr zuvor waren es immerhin bereits 7,5 Milliarden Euro. Die Aktivitäten an den Börsenplätzen in Paris, Mailand, Zürich, London und Brüssel nehmen sich dagegen eher bescheiden aus. Die Wiener Börse beschloss sogar kürzlich, ihr Wachstumssegment auf Grund von Desinteresse wieder zu schließen.

Vieles deutet darauf hin, dass sich der Neue Markt in Frankfurt als einziger wenn auch bedeutend kleinerer, aber ernst zu nehmender Konkurrent der amerikanischen Nasdaq etablieren kann. Welche Effekte eine Wachstumsbörse auf die Volkswirtschaft hat, errechnete die Unternehmensberatung Roland Berger im vergangenen Sommer: Sie bezifferte den direkten Beschäftigungseffekt des Börsenganges bei den Firmen am Neuen Markt mit 30 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Hinzu kam eine hohe Anzahl an Stellen bei Emissionsbanken sowie PR- und IR-Agenturen.

Bis zum Jahr 2001 sollten nach der Untersuchung durch Börsengänge an das deutsche Wachstumssegment sogar 100 000 zusätzliche Stellen entstehen. Auch, wenn diese Zahlen bei einer anhaltenden Baisse relativiert werden müssen, sie zeigen die positiven Effekte. Dabei ist der Standort der Börse nicht unbedeutend, wie die Verfasser der Studie herausfanden: "Ein nationales Börsensegment ist ein wesentlicher Treiber des Gründerbooms und damit der Beschäftigung in der New Economy".

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