37 Fragen an Richard Thaler
Obama hat gelernt, wie Märkte funktionieren

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(Verhaltensökonom an der Chicago School of Business)

Herr Thaler, Sie gehören zum Beraterkreis von Barack Obama. Wie schätzen sie die wirtschaftspolitische Grundhaltung des nächsten US-Präsidenten ein?

Thaler: Na ja, ich rede häufig mit Obamas Beratern Austan Golsbee und Jason Furman, außerdem steht mein Co-Autor Cass Sunstein den Obamas wirklich nahe - ich habe also meine Einflussmöglichkeiten, ?

Was haben Sie dabei über den Wirtschaftspolitiker Obama gelernt?

Er ist extrem nicht-ideologisch. Mit fällt kein einziger Fall ein, in dem er sich ideologisch verhalten hätte. In der Öffentlichkeit gilt er immer noch als jemand, der links von Hillary Clinton steht - ich habe keinerlei Hinweise, dass das stimmt. Immerhin wird er von Warren Buffett und Paul Volcker unterstützt - sind das etwas Sozialisten?

Aber wo steht er denn dann?

Obama hat immerhin zehn Jahre lang als Teilzeit-Dozent hier an der Chicago Law School gearbeitet, das führt zu einem gewissen Respekt für den Markt, zu einem Gefühl dafür, wie Ökonomen denken. Obama ist zwar nicht die Wiedergeburt von Milton Friedmann, aber er hat nichts von einem Globalisierungsgegner an sich.

Es gibt aber doch Zweifel an seiner Haltung zum Welthandel, ? Er hat sich niemals gegen den freien Handel ausgesprochen, auch in den Primaries nicht. Er spricht sich dafür aus, Mindeststandards für Arbeitsbedingungen in den Handelsverträgen aufzunehmen, im Extremfall könnte das den freien Handel töten - aber das ist nicht sein Ziel.

Was ist sein Ziel in der Handelspolitik?

Der Trick ist es doch, die Vorteile des Freihandels zu erhalten, ohne die Arbeitsplatzsituation zuhause übermäßig zu belasten. Das ist eine Frage der Steuerpolitik: Obama wird sicherlich Anreize setzen, damit wenigstens ein Teil der Industrieproduktion hier in Amerika bleibt.

Wie beurteilen Sie Obamas Reaktion auf die akute Finanz- und Wirtschaftskrise?

Ich schließe mich Bill Clinton an, der genau die richtige Beschreibung gefunden hat: Obamas Ansatz sei "studierend" gewesen. Wir sind in ein unglaublich komplexes Durcheinander geraten, auch ich als Ökonom habe sehr lange gebraucht, bis ich das Gefühl hatte, wenigstens die Basis des Problems einigermaßen verstanden zu haben. Obama hat keine Reden geschwungen, keine Aktionen verkündet sondern versucht herauszufinden, was eigentlich los ist. Er legt Wert auf ein breites Meinungsbild und will auch immer die entgegen gesetzten Argumente hören.

Obama wird erst am 20. Januar ins Weiße Haus einziehen, aber die Weltöffentlichkeit wird rasch wissen wollen, wo er in der aktuellen Finanzkrise steht, ? Ich gehe davon aus, das er sehr schnell eine Person benennt, der als Emissäre in der Krise agieren. Jemand vom Kaliber der früheren Finanzminister Lawrence Summers oder Robert Rubin. Wie es dann weiter geht ist völlig offen. Unter den Experten gibt es zwar einen Konsens, dass der Paulson-Plan schwere Fehler enthält, aber über die Alternativen gibt es noch lange keinen Konsens.

Sie sind ein Experte der Behavorial Finance, die das Konzepte des immer rational handelnden Homo Ökonomikus in Frage stellt. Statt dessen machten die Wirtschaftssubjekte ständig Fehler - die allerdings vorhersehbar sind. Findet sich diese Theorie in Obamas Reformvorschlägen wieder?

Da muss man ein wenig in die Details gehen, zum Beispiel in der Gesundheitspolitik. John McCain wollte den Menschen ohne Krankenversicherung einen Steuernachlass geben, damit sie dafür Versicherungspolicen kaufen. Aus Sicht der Verhaltensforschung ist das falsch, denn die meisten Menschen werden das nicht machen, sondern den Konsum erhöhen. Hillary Clinton plädiert für eine Pflichtversicherung, also mehr Staat. Dagegen will Obama beibehalten, dass die Versicherungsbeiträge direkt von den Arbeitgebern einbehalten werden. Die Unversicherten, vor allem Selbstständige und Beschäftigte kleiner Firmen, will Obama nicht zu ihrem Glück zwingen, ihnen aber die Möglichkeit schaffen, sich an einer nationalen Krankenversicherung zu beteiligen.

Obama hat sehr viele Ausgabenprogramm angekündigt, für Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und die Entlastung des Mittelstandes. Wird er da nicht angesichts der rasch steigenden Staatsverschuldung Abstriche machen müssen?

Wahrscheinlich wird es bei einigen Dingen etwas länger dauern, aber die Prioritäten sind nach wie vor richtig. Das hängt auch davon ab, was aus dem Irak-Krieg und wie teuer das Paulson-Paket für den Steuerzahler wirklich wird.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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