37 Tote geborgen
Schweizer Flugsicherung räumt Pannen ein

Der zweite Fluglotse habe vorschriftswidrig eine Pause gemacht, obwohl das interne Kollisions-Alarmsystem wegen Wartungsarbeiten ausgefallen war.

dpa ÜBERLINGEN. Nach der tragischen Flugzeugkollision über dem Bodensee mit 71 Todesopfern hat die Schweizer Flugsicherung skyguide schwere Pannen eingeräumt. So hatte der Fluglotse in der Unglücksnacht die russische Tupolew-Maschine nur 50 Sekunden vor der Kollision mit der Fracht-Boeing zum Ausweich-Sinkflug aufgefordert. Der zweite Fluglotse habe vorschriftswidrig eine Pause gemacht, obwohl das interne Kollisions-Alarmsystem von skyguide wegen Wartungsarbeiten für einige Stunden ausgefallen war. Es sei nicht auszuschließen, dass dies die Tragödie ausgelöst habe, sagte der skyguide-Leiter Toni Maag am Mittwoch dem Schweizer Rundfunksender DRS.

Am Mittwoch wurde am Bodensee die Suche nach den Opfern fortgesetzt. Bis zum frühen Nachmittag waren 37 Tote geborgen. Identifiziert werden konnten bis dahin nur die zwei Insassen der Frachtmaschine, der britische Pilot und sein kanadischer Co-Pilot. Außerdem wurden die Stimmenrekorder und Flugdatenschreiber beider Maschinen gefunden. Sie sollten am späten Nachmittag in der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) eintreffen. Ergebnisse erwarten die Experten frühestens in einigen Tagen, möglicherweise aber auch erst in drei Wochen.

Wegen der Wartung des Kurz-Zeit-Kollisionsgerätes im Kontrollraum von skyguide hätte der zweite Lotse nach Angaben von Maag keine Pause machen dürfen. Mit Einverständnis seines Kollegen habe er aber gegen eine interne Anweisung verstoßen. Für den Dienst habenden Lotsen habe es keine Möglichkeit gegeben, seinen Kollegen zurückzurufen, als es kritisch wurde. Unklar ist weiter, warum der Lotse die Fracht-Boeing nicht informierte.

Fraglich ist auch, warum der russische Tupolew-Pilot erst so kurz vor dem Zusammenprall gewarnt worden war. Die Zeitspanne habe nur 50 Sekunden betragen, teilte die BFU nach einer ersten Auswertung des Sprechfunkverkehrs mit. Ebenfalls noch nicht geklärt ist, warum der Pilot zunächst nicht reagiert habe und nochmals zum Sinkflug aufgefordert werden musste. Dieser zweiten Anweisung habe er Folge geleistet, etwa 25 Sekunden vor dem Zusammenstoß, erklärte die BFU. Zur Zeit des Unglücks gegen 23.30 Uhr hatte der Lotse neben den beiden Unglücksmaschinen drei weitere Maschinen zu betreuen. Berichtet wurde am Mittwoch, dass der Lotse den Russen so spät gewarnt habe, weil dies bei normalen Tagesschichten so üblich sei und weil man nachts die Routine nicht verändern wolle. Die Flugsicherung skyguide überwacht seit rund 40 Jahren auch Teile des süddeutschen Flugraums.

Der Luftfahrtexperte Volker Thomalla sprach von einer "Verkettung unglücklicher Umstände". Die Tatsache, dass der Dienst habende Lotse allein gewesen sei, könne vermutlich nicht das Hauptproblem sein, sagte der Chefredakteur des Magazins "Flug-Revue" im ARD - Morgenmagazin. Die späte Warnung an den Tupolew-Piloten konnte sich Thomalla nicht erklären. "Normalerweise muss man mindestens 90 Sekunden, wenn nicht sogar - wie sich die Situation entwickelt hat - drei Minuten vorher warnen können."

Unterdessen wurden die ersten Toten ins Krankenhaus nach Friedrichshafen gebracht. Dort wollten Experten mit der Identifizierung beginnen, darunter sind auch 30 Beamte einer Spezialeinheit des Bundeskriminalamtes (BKA). Außerdem sollen die Krankenakten der 69 russischen Opfer zu Rate gezogen werden. Gemeinsam mit voraussichtlich 130 Angehörigen sollen die Dokumente bis spätestens Freitag nach Deutschland geflogen werden, kündigte die Regierung der russischen Teilrepublik Baschkirien an. Die ersten Angehörigen der Opfer trafen schon am Mittwoch am Bodensee ein.

Die Tupolew-154 der Bashkirian Airlines war mit einer Schülergruppe aus Ufa an Bord am späten Montagabend über dem Bodenseeufer mit einer Fracht-Boeing des Paketdienstes DHL zusammengestoßen. Niemand der 71 Menschen an Bord beider Maschinen überlebte die Katastrophe. "Wir hoffen, dass die Bergung der Opfer morgen (Donnerstag) abgeschlossen werden kann", sagte der baden- württembergischen Innenministers Thomas Schäuble (CDU). Dies sei derzeit die "wichtigste Aufgabe".

Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) berichtete am Mittwoch im Kabinett über das Flugzeugunglück. In der Diskussion um die Schaffung eines einheitlichen europäischen Luftraums sei es weiterhin Ziel, bis Ende 2004 zu einem Ergebnis zu kommen, sagte ein Ministeriumssprecher. Im Fall der Bodensee-Katastrophe hätte das System verglichen mit dem jetzigen Zustand aber keine Verbesserung gebracht.

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