400.000 E-Mails an Fifa
WM-Aus noch nicht verdaut

Die Empörung in Italien über den angeblichen WM-Betrug klingt nicht ab. 400.000 E-Mails empörter Italiener gingen beim Weltverband Fifa ein, der staatliche Fernsehsender RAI erwägt wegen entgangener Werbeeinnahmen eine Klage gegen die Fifa. Argumentationshilfe leistete ausgerechnet Fifa-Präsident Joseph Blatter.

sid YOKOHAMA/ROM. 400.000 E-Mails empörter Italiener sind nach dem umstrittenen WM-Aus ihrer Fußball-Nationalmannschaft gegen Südkorea beim Weltverband Fifa eingegangen. "Unser System ist danach zusammengebrochen", berichtete Fifa-Sprecher Keith Cooper am Freitag und ergänzte: "Die Situation ist völlig überhitzt, wir wollen versuchen, die Lage wieder zu beruhigen."

Cooper bestätigte unterdessen ausdrücklich die Kritik von Fifa-Präsident Joseph Blatter an den Leistungen der Schieds- und Linienrichter ("Desaster") bei der WM 2002. "Der Präsident ist korrekt zitiert worden", sagte er zu dessen Interview in der italienischen Gazetta dello Sport.

Der ekuadorianische Schiedsrichter Byron Moreno hatte den Italiener Francesco Totti in der Verlängerung des Achtelfinals gegen Südkorea (1:2 nach Verlängerung) wegen einer angeblichen "Schwalbe" mit gelb-rot bestraft und vom Platz gestellt. Blatter hatte dies als "Mangel an Fingerspitzengefühl" bezeichnet. Der Mexikaner Edgardo Codesal, der das Finale der WM 1990 geleitet hatte, sieht in dem Blatter-Interview keine Brüskierung der Unparteiischen: "Der Fifa-Präsident kann eine Meinung sagen, wann und wie er es will. Wer damit nicht umgehen kann, ist auch nicht zur Leitung eines WM-Spiels qualifiziert."

Codesal gab als Mitglied der Schiedsrichterkommission zu, dass die Hinausstellung Tottis umstritten gewesen sei: "Nach dem Studium der Fernsehbilder scheint es eine kleine Berührung gegeben zu haben, bevor er zu Boden ging." Moreno habe aber unmittelbar und ohne TV-Wiederholung entscheiden müssen.

Codesal plädierte für einen "menschlicheren Umgang" mit den Schiedsrichtern, die ebenso Fehler machen würden wie Spieler oder Trainer. Bei bis dahin 56 Spielen "und somit rund 6000 kritischen Situationen" sei es zu vielleicht fünf, sechs schwereren, falschen Entscheidungen gekommen: "Das ist eine Fehlerquote von eins zu tausend, damit können wir sicher zufrieden sein."

Die Schiedsrichter-Kommission sei aber immer für Neuerungen offen, sagt Codesal. Dies gelte auch für Vorschläge, die Beschränkung auf einen Unparteiischen pro Land aufzuheben oder Schiedsrichter-Gespanne aus einem Verband einzusetzen.

Unterdessen treibt die Empörung in Italien über den angeblichen WM-Betrug an der einheimischen Fußball-Nationalmannschaft auf dem Apennin immer skurillere Blüten: Wegen Italiens vermeintlicher Benachteiligung in Südkorea und Japan erwägt der staatliche Fernsehsender RAI eine Klage gegen den Weltverband (Fifa). Die öffentlich-rechtliche Anstalt will auf juristischem Weg ihre Mindereinnahmen im Bereich der Werbung nach dem Achtelfinal-Aus für die "Squadra Azzurra" ausgleichen.

"Wir haben unsere Rechtsabteilung mit der Vorbereitung einer Klage beauftragt. Das Verfahren soll zeigen, dass die Fifa für die schwachen Leistungen der Schiedsrichter verantwortlich ist. Grundlage der Klage sind die allgemein anerkannten Fehler der Schiedsrichter in den Spielen der italienischen Mannschaft. Fehlern, die so plump waren, dass man sie nur als Ergebnis eines ernsthaften Betruges bezeichnen kann", erklärte die RAI-Intendanz in einer Pressemitteilung.

Der Sender, dessen Übertragungen von den Partien der italienischen Mannschaft bis zu 20 Millionen Zuschauer und Rekordmarktanteile von bis zu knapp 90 Prozent erreichten, erwartet durch das Ausscheiden der Mannschaft von Nationaltrainer Giovanni Trapattoni massive Einbrüche bei den WM-Quoten und damit auch in der Werbung. Die RAI hatte im Vorjahr für 140 Millionen US-Dollar die Free-TV-Rechte an allen Spielen des laufenden WM-Turniers und an 25 Partien der WM-Endrunde 2006 in Deutschland erworben.

Die Zeitungen und Fans in Italien sehen weiterhin vor allem in den Referees bei der WM die Verantwortung für das schwächste WM-Ergebnis des dreimaligen Weltmeisters seit dem Vorrunden-K.o. 1986 in Mexiko. In ihren vier WM-Spielen hatte das italienische Team die Aberkennung von fünf Toren und im Achtelfinale gegen Co-Gastgeber Südkorea (1:2 n.V.) zusätzlich eine höchst umstrittene Gelb-Rote Karte gegen Francesco Totti hinnehmen müssen.

Argumentationshilfe hatte der RAI am Donnerstag ausgerechnet Fifa-Präsident Joseph Blatter geleistet. "Die Leistungen der Schiedsrichter sind der einzige negative Aspekt bei dieser WM", hatte der Schweizer in einem Interview mit der italienischen Sporttageszeitung Gazzetta dello Sport erklärt: "Traurigerweise gab es außergewöhnliche Umstände und Zufälle, die wiederholt zu Fehlentscheidungen gegen ein einziges Team geführt haben: Italien."

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