450 wollen ihr Geld zurück
Anleger verklagen Berliner Bankgesellschaft

Bisher sah es so aus, als habe die Bankgesellschaft Berlin nur ihre Eigentümer geschädigt. Aber auch zahlreiche Anleger von Immobilienfonds fühlen sich übers Ohr gehauen. Sie wollen das Institut und seine Töchter für Millionenverluste haftbar machen.

HB BERLIN. Die 56 weiß verputzten Neubauten südlich von Berlin wirken wie eine ganz normale Siedlung irgendwo am Stadtrand: Die Straßen sind sauber, die Autostellplätze großzügig, die rot gedeckten Dächer neigen sich in korrekt einheitlichem Winkel gen Boden. Aber in den Gärten spielen keine Kinder, in den Hauseinfahrten wäscht niemand sein Auto, hinter den Fenstern hängen keine Gardinen. Grasbüschel überwuchern die Gehwege. Die Siedlung Nächst Neuendorf ist ein Geisterdorf - und eventuell schon bald ein millionenteures Problem für die Bankgesellschaft Berlin.

Denn viele der rund 450 Anleger, die über einen geschlossenen Immobilienfonds 31 Mill. DM in die Siedlung investiert haben, wollen ihr Geld zurück. Eigentlich müsste Jürgen Hanne zahlen, dessen Dr. Hanne Grundstücksgesellschaft mbH & Co. neunte Immobilienfonds KG das Projekt in die Pleite führte. Das Landgericht Berlin verurteilte den Immobilienkönig wegen falscher Angaben im Verkaufsprospekt des Fonds dazu, die Anteile der Investoren zurückzukaufen. Aber der zu einer Bewährungsstrafe verurteilte Betrüger hat sich nach Kanada abgesetzt. Und die Ullrich Hainzl KG, die den Fonds vertrieben hatte, hat eine Schadensersatzklage in erster Instanz überstanden.

Sonderwissen zu Lasten der Zeichner

Also soll die Landesbank Berlin (LBB) haften. Die Tochter der Bankgesellschaft hatte Hanne den Fonds für die als "Seniorenresidenz" ausgewiesene Siedlung ermöglicht - obwohl sie wissen musste, so der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Schirp, "dass dort eine ganz normale Wohnsiedlung gebaut wurde". Der Jurist spricht von "Sonderwissen" der Bank "zu Lasten der Zeichner". Die Kanzlei Schirp & Apel, die Geschädigte von 16 Hanne-Fonds vertritt, wirft der Bank vor, sie habe die Anleger-Täuschung mitzuverantworten. In Kürze will sie für ihre Mandanten auf Schadensersatz klagen. "Ich könnte mir auch eine außergerichtliche Einigung vorstellen", sagt Anwalt Schirp. "Aber die Bank hat auf Gesprächsangebote nicht reagiert."

Die Summen, um die es geht, sind beträchtlich. Schirp fordert für seine Klienten etwa 10 Mill. DM von der LBB. Insgesamt stecken in Nächst Neuendorf und einem ähnlichen Projekt sogar etwa 50 Mill. DM Anlegergeld. Die Bankgesellschaft sieht keine neuen Belastungen auf sich zukommen. In dieser Richtung sei "nichts bekannt", teilt das Institut knapp mit und zieht sich ansonsten auf die Formel zurück, "zu Details können wir nichts sagen".

Gefahr von Folgeklagen

Falls sich der Anwalt durchsetzen sollte, könnten der Bank Folgeklagen drohen - auch von Anlegern anderer Hanne-Fonds: Denn die Bankgesellschafts-Töchter Berlin Hyp und Landesbank Berlin haben einen großen Teil der Fonds mit finanziert. Mehrere Hundert Millionen Mark haben die Institute hier verbuddelt.

Um zum führenden Immobilienfinanzierer aufzusteigen, ging die Bankgesellschaft volles Risiko. Die Folge: gigantische Wertberichtigungen. Auf 4 Mrd. DM hat das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen den Kapitalbedarf der Bankgesellschaft beziffert. Zahlen muss das Land Berlin, dem 57 % der Bank gehören. Einige Berliner Politiker erwarten noch Schlimmeres. "Es wird bei den 4 Mrd. DM sicher nicht bleiben", befürchtet Barbara Oesterheld von Bündnis 90/Die Grünen.

Hochriskante Mietgarantien

Oesterheld sitzt im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, der sich bislang vergeblich bemüht, einen Überblick über all die Parteispenden und Not leidenden Millionenkredite zu bekommen. Hochriskante Mietgarantien spielten eine Rolle, wenn die Bankgesellschaft und ihre Töchter Kredite vergaben, politischer Filz und Schein- Milliardenverträge mit Investoren auf den Cayman-Inseln. "Es ist nicht vorstellbar, dass irgendeine andere Bank diese Kredite gegeben hätte", schimpft Klaus-Uwe Benneter, SPD, Vorsitzender des Untersuchungsausschusses.

Gerade die Hanne-Fonds und ihre Finanzierung zeigen, wie absurd es teilweise zuging, wenn Geld verliehen wurde. Nicht bei Kleinkrediten, da hatte die Bank einen guten Ruf. Wohl aber bei den Großen und vor allem, wenn es um Immobilien ging.

Um Projekte wie die Seniorenresidenz Voltairepark, ein anderer Fall: Da bat Immobilienkönig Hanne den Chef persönlich um Hilfe. "Zurzeit befinden wir uns in einer Situation, in der wir dringend die Valutierung eines Darlehens für die Seniorenresidenz Potsdam am ,Voltairepark? benötigen. . .", schrieb Jürgen Hanne am 9. Februar 1999 dem Vorstandschef der Berlin-Hyp-Mutter Bankgesellschaft Berlin, Wolfgang Rupf. Aber da Bankmanager auf bloße Bitten selten reagieren, legte Hanne mit leicht drohendem Unterton nach: ". . . um einen mit Sicherheit großen Schaden sowohl von der Dr. Hanne Unternehmensgruppe, aber auch von der Berlin Hyp abzuwenden". Schließlich habe die Immobiliengruppe "in den letzten Jahren Hypothekendarlehen in Höhe von ca. 200 Mill. DM von ihrem Bankinstitut für verschiedene Objekte aufgenommen".

Der Fingerzeig wirkte. Am 11. März konnte Hanne den gewünschten Kreditvertrag über 16,885 Mill. DM für die Seniorenresidenz Voltairepark in Potsdam doch noch unterschreiben. Eine Woche später zeichneten zwei Manager der Berlin Hyp gegen - zu einem Zeitpunkt, zu dem die Treuhänder des Fondsvermögens nach eigenen Angaben "angesichts der sich abzeichnenden Krise" keine neuen Beitrittserklärungen von Anlegern mehr annahmen. Zwei Monate später brach Hannes Immobilienimperium zusammen.

Bislang haben deutsche Gerichte Banken selten zu Schadensersatz verurteilt. Es sei "extrem schwierig", den Instituten Vergehen nachzuweisen, warnt der auf Immobilienrecht spezialisierte Anwalt Tobias Pielsticker von der Münchener Kanzlei Wilhelm Lachmair & Kollegen.

Mieten waren zu hoch angesetzt

Schirp ist allerdings überzeugt, dass er seine Vorwürfe vor Gericht belegen kann. Er hat eifrig Material gesammelt: Zeugenaussagen, Briefe, Darlehensverträge, Gläubigerlisten der Bankgesellschaft. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf mehrere Regale voll mit Hanne-Ordnern. Darin enthalten sind auch Zeugenaussagen und Dokumente darüber, wie Hanne die in Nächst Neuendorf geplanten Wohnhäuser mit Wissen der Landesbank ohne große Veränderungen zu einer Seniorenresidenz umdeklarierte - und den angesetzten Wert der 56 Gebäude dreist verdoppelte. Ursprünglich wollte dort die Firma Groba Bauträger GmbH den zweiten Abschnitt der Paul-Breitner-Siedlung errichten. Das Grundstück hatte einer Erbengemeinschaft um dem Fußballer Breitner gehört. Doch bald wurde klar, dass niemand für die Häuser die kalkulierten 32,8 Mill. DM bezahlen würde. Die Mieten waren zu hoch angesetzt.

Nun sollte Hanne zum Retter werden, und er fand eine Lösung: die Seniorenresidenz. Der Verkaufsprospekt des Fonds versprach den Senioren "barrierefreies Wohnen" im "grünen Vorgarten Berlins" und den Investoren Renditen von bis zu "19,14 % jährlich". Dass der Alterssitz ursprünglich eine normale Wohnsiedlung werden sollte, verschwiegen die Verkäufer.

Gebaut wurde eine Siedlung, die für Alte nur bedingt geeignet ist. "Alles ist vom Billigsten", erzählt Adolf Theiß, dessen Firma Procurant AG das Geisterdorf inzwischen für 9,75 Mill. DM gekauft hat. Bevor er die Häuser an Senioren vermieten könne, müsse er noch einmal die gleiche Summe investieren, schätzt Theiß. "Im Dachgeschoss haben die irrsinnige Treppen mit 70 % Steigung gebaut. Da brechen sich alte Menschen den Hals."

Dilettantische Umwidmung

Diese "dilettantische Umwidmung" habe die Landesbank mitgetragen, sagt Schirp und zieht die Kopie eines Darlehensvertrags aus der Schublade. Danach gewährte die Bank der Fonds-KG des Jürgen Hanne am 26. Juli 1996 28,5 Mill. DM für die Entwicklung der Seniorenresidenz.

Inzwischen hat der Fonds das Insolvenzverfahren beantragt. "Der Steuervorteil bleibt mir zwar hoffentlich, aber die 525 000 DM Einlage sind weg", erzählt ein Kaufmann aus dem Harz-Städtchen Bad Sachsa. Jetzt hofft er, das Geld zurückzubekommen. Freiwillig wird die Landesbank wohl nicht zahlen. So zuvorkommend behandelt das Institut höchstens Topkunden. Mindestens einmal hat sie bereits Anleger eines Not leidenden Fonds entschädigt. Aber das Objekt war nur einem kleinen Kreis ausgewählter Investoren angeboten worden.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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