60 Jahre BRD
Deutsche und Aktien – das ewige Missverständnis

Aktienkultur in Deutschland – ein Widerspruch in sich. Die größte kulturelle Leistung deutscher Kleinanleger scheint darin zu bestehen, zu Höchstkursen einzusteigen und bei Tiefstkursen zu verkaufen. Daraus kann man ihnen nicht einmal ein Vorwurf machen. Oft sind es falsche Versprechen, mit denen sie an die Börse gelockt werden. Ein Rückblick auf sechs Jahrzehnte am Aktienmarkt.

FRANKFURT. Alles fing recht viel versprechend. Es gab zwar weder einen funktionierenden Staat oder ein anerkanntes Zahlungsmittel, aber Aktien wechselten schon wieder den Besitzer. Im Herbst 1945 eröffneten die ersten Börsen in Westdeutschland. Erst wenige Monate vorher hatten die Alliierten die Deutschen von der Herrschaft des Nationalsozialismus befreit.

So richtig in Fahrt kam das Geschäft nach der Währungsreform 1948. In den fünfziger Jahren erlebte der deutsche Aktienmarkt die erste große Euphorie. Dafür sorgte Kanzler Konrad Adenauer, indem er die so genannte Volksaktie einführte. Die Idee: Das Volk sollte am Kapital beteiligt werden. Die Preußischen Bergwerks und Hütten AG, kurz Preussag, war das erste staatseigene Unternehmen, das privatisiert und im März 1959 an die Börse gebracht wurde.

Politiker lobten die Aktie damals als "gutes und sicheres Papier für eine langfristige Kapitalanlage". Die Menschen glaubten ihnen. Zumal Geringverdiener die Aktien zu günstigeren Konditionen erhielten. Mehr als 200 000 Menschen wollten Preussag-Papiere haben - vom Arbeiter bis zur Hausfrau. Als Volkswagen im August 1961 an die Börse ging, war die Euphorie sogar noch größer. Der Bund brachte sechs Millionen VW-Papiere unters Volk.

Bis zu diesem Zeitpunkt war eigentlich noch alles in Ordnung. Die Deutschen waren auf dem Weg, ein Volk von Aktionären zu werden. Allerdings hätte man ihnen sagen sollen, dass es kein Naturgesetz gibt, nach dem Aktienkurse ohne Unterlass steigen. Stattdessen heizten Politiker die Erwatungen unnötig an. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard äußerte zwar leise Bedenken: "Niemand darf in den Glauben versetzt werden, das Wertpapier könne seinen Eigentümer - ähnlich wie beim Lottoschein - über Nacht zum reichen Mann machen." Letztlich wischte aber auch er die Zweifel beiseite. Erhard gehörte zu den größten Verfechtern der Volksaktie.

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