60 Jahre BRD
Deutschland leidet unter Exportfixierung

Die Geschichte der Bundesrepublik ist zugleich auch die Geschichte einer atemberaubenden Wirtschaftsentwicklung. Aus dem völlig zerstörten Land wurde nach dem Krieg binnen weniger Jahrzehnte ein Exportweltmeister. Diesen Titel musste und muss sich Deutschland jedoch stets hart erkämpfen.

DÜSSELDORF. Nordex könnte als Blaupause für eine ganze Branche stehen. Der Windkraftanlagen-Hersteller macht 1,1 Mrd. Euro Umsatz, davon aber nur 44 Mio. Euro in Deutschland. Die Exportquote des Mittelständlers erreicht damit 96 Prozent. Doch die Erfolgsstory könnte sich drehen. Weltweit werden Pläne für neue Windparks auf Eis gelegt. Die globale Krise trifft auch den TecDax-Konzern mit voller Wucht – so wie die gesamte Exportbranche.

60 Jahre Bundesrepublik, das sind auch 60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte. Und die sind geprägt vom Aufstieg des kriegszerstörten Landes zum Exportweltmeister. Die deutschen Ausfuhren sind mit fast einer Billion Euro heute rund 133-mal so hoch wie Anfang der 50er-Jahre. Fast zehn Prozent der weltweiten Exporte kommen aus Deutschland. Mit führender Technologie haben sich Produzenten von Motorsägen wie Stihl, Lackieranlagen wie Dürr oder Windrädern wie Nordex in aller Welt Spitzenpositionen erkämpft. Die deutschen Maschinenbauer, die ihren Exportanteil in den zurückliegenden zehn Jahren von 62 auf 76 Prozent steigerten, galten dabei als Stütze der heimischen Wirtschaft.

Doch angesichts des weltweiten Abschwungs heißt es nun, die hohe Exportorientierung sei kein Segen, sondern der Fluch dieser Branche. Wie überhaupt der Auslandsanteil von nahezu 40 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaft inzwischen mehr Last als Lust sei. Wissenschaftler warnen vor den weitreichenden Folgen einer platzenden Exportblase.

2008 konnte Deutschland seinen Titel als Exportweltmeister von Waren allerdings zum sechsten Mal in Folge noch verteidigen, wenn auch nur knapp vor China. Dabei musste sich die Bundesrepublik die Spitzenposition in den letzten 60 Jahren hart erkämpfen. 1960, in der ersten Krisenphase der Nachkriegszeit, brach der Exportanteil der heimischen Wirtschaft von 15 auf fünf Prozent zusammen. Auch die Wiedervereinigung hinterließ Spuren; die Exportquote der Wirtschaft sackte in der Folgezeit von 27 auf 22 Prozent. Danach ging es aber steil und stetig aufwärts. Angefeuert von einer heftigen Lohnkosten- und Standortdiskussion konzentrierte sich die Industrie ganz darauf, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit auszubauen.

Profitiert hat die Wirtschaft dabei natürlich auch von der Schaffung der Euro-Zone und eines einheitlichen Wirtschaftsraums in Europa. In die Europäische Union gehen heute allein fast 64 Prozent der deutschen Exporte. Die USA, nach Frankreich zweitwichtigster deutscher Handelspartner, nehmen dagegen nur gut sieben Prozent der Produktion ab. Hoffnungen, ein baldiger Aufschwung in den USA würde die Probleme der Exportnation Deutschland gleich mitlösen, sind denn auch ein wenig übertrieben. Zumal Zweifel angebracht sind, ob nach der Krise dieselben Produkte gefragt sein werden wie zuvor. Beispiel Autoindustrie: Ihr steht weltweit ein heftiger Schrumpfkurs bevor: Deutsche Zulieferer wie Hersteller werden Kapazitäten abbauen müssen.

Den Produzenten von Windkraftanlagen kann das womöglich alles egal sein. Sie bauen ein Zukunftsprodukt, auch weil Ersatz für fossile Energieträger geschaffen werden muss. Dass sich deshalb auch die Orderbücher des deutschen Herstellers Nordex füllen, ist aber nicht gesagt. Denn auch andere Nationen streben den Titel des Exportweltmeisters an.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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