60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Adidas: Die Schuhe von Bern

Im Juli 1954 gewinnt Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft in Adidas-Schuhen mit Schraubstollen. Der Aufstieg des von Adi Dassler gegründeten Unternehmens beginnt.

SCHEINFELD. Die Schraubstollen, diese länglichen Zapfen unter den Fußballschuhen, die man so schnell und einfach austauschen kann. Sie waren es, die der deutschen Fußball-Nationalelf den entscheidenden Kick gegeben haben. Die dafür gesorgt haben, dass Helmut Rahn und Co. das Endspiel der Weltmeisterschaft 1954 gewannen. Zumindest gibt es einige Leute, die fest davon überzeugt sind.

Jenö Buzánsky ist so einer. "Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Mannschaften waren die austauschbaren Stollen", soll er einmal gesagt haben. Buzánsky muss es wissen, denn er war der rechte Außenverteidiger des ungarischen Teams, das den Deutschen an jenem 4. Juli 1954 auf dem matschigen Rasen im Berner Wankdorfstadion völlig überraschend 2:3 unterlag.

Andere wiegeln ab. Dazu gehört Karl Heinz Lang. "Die Sache auf die Stollen zu reduzieren ist schon fast eine Beleidigung des Schuhs", sagt der 64-Jährige. Die Schuhe seien auch sehr leicht und biegsam gewesen. Das sei mindestens genauso wichtig wie die Stollen. Auch Lang steckt tief in der Materie drin, denn er arbeitet seit 31 Jahren für Adidas und ist so etwas wie der Archivar oder das lebende Gedächtnis des Sportkonzerns. Von Adidas stammte der Schraubstollenschuh für die WM 1954.

Wie wichtig waren nun die Stollen für den Sieg? Und wer hat sie erfunden? Der Streit darüber tobt seit vielen Jahren. Nur eines ist unbestritten. Das Finale von Bern war eine der Sternstunden in der Adidas-Geschichte, eines der Ereignisse, die das Unternehmen aus Herzogenaurach nach dem Krieg zu einem der führenden Sportkonzerne der Welt aufsteigen ließen. Heute ist Adidas die Nummer zwei der Branche und im Fußball verwurzelt wie kein anderer Wettbewerber.

Als offizieller Ausrüster und Sponsor der am Sonntag zu Ende gehenden Fußball-WM sind die drei Streifen fast rund um die Uhr auch im letzten Winkel der Erde auf dem Fernsehschirm zu sehen. Jeder Schiedsrichter, jeder Balljunge läuft mit den Adidas-Leibchen auf den Platz. Der größere Konkurrent Nike dagegen muss sich mit einer Nebenrolle als Sponsor einzelner Teams begnügen. Das gilt auch für den Erzrivalen Puma.

Adidas und die Fußball-Nationalmannschaft, das ist inzwischen eine Beziehung wie die zwischen Bayern und der CSU. Angefangen hat sie Anfang der 50er-Jahre. Mannschaftskapitän Fritz Walter bittet Adolf Dassler, Gründer, Namensgeber und damals Chef von Adidas: "Adi, mach uns mal ein paar Schuhe, in denen man den Ball spürt."

Und Dassler macht - einen weichen, leichten Fußballschuh, mit Schraubstollen-Gewinden in der Sohle. Kein Vergleich zu den damals gängigen Stiefeln aus dickem Leder, fest gegerbt und vorn mit Stahlkappen verstärkt. Unten drunter angenagelte Lederstollen, so dick wie Weinkorken.

Fritz Walter ist es dann auch, der seine Mannschaftskollegen und Bundestrainer Sepp Herberger regelrecht überredet, Dasslers Entwicklung eine Chance zu geben. Vor allem die bodenständigen Nürnberger Spieler um Max Morlock lehnen den Wechsel partout ab.

Wie sehr sich die neuen Schuhe auszahlen werden, das ist im WM-Finale von 1954 zunächst nicht absehbar: Die Ungarn sind haushohe Favoriten, sie haben die Mannschaft von Sepp Herberger in der Vorrunde mit 8:3 in Grund und Boden gespielt und sind seit 34 Partien ungeschlagen. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein.

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