60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Bayer – Geld, Girls und Gerstensaft

Am 19. Dezember 1951 wird die Farbenfabriken Bayer AG gegründet - und das Ereignis kräftig gefeiert. Der Kampf um die Neuordnung der deutschen Großchemie ist beendet.

DÜSSELDORF. Der frisch gewählte Vorstandsvorsitzende zeigt sich spendabel. "Zum Zwecke der Durchführung kameradschaftlicher Veranstaltungen", diktiert Ulrich Haberland seiner Sekretärin Anfang 1952 das Rundschreiben mit der Nummer 1577, "stellt die Werksleitung jedem Belegschaftsmitglied DM 5,- zur Verfügung." Die Party kann losgehen.

Und sie geht los. "Eine stattliche Kolonne Mädchen aus den Betrieben sind in Eile als Bedienerinnen zusammengestellt, Autos mit Blumen fahren vor", jubelt später die Reporterin des Mitarbeiterblattes "Unser Werk". Im voll besetzten Festsaal des Standorts Dormagen fließt das Bier in Strömen. Die Frauen der firmeneigenen Tanzgruppe werfen auf der Bühne die Beine hoch in die Luft - und jonglieren mit weißen Hüten.

Der Anlass ist durchaus angemessen. Wenige Tage zuvor ist die "Farbenfabriken Bayer Aktiengesellschaft" neu gegründet worden. Fünfeinhalb Jahre Ungewissheit sind vorbei. Am 19. Dezember 1951 sind 24 Direktoren, Geheimräte, Professoren und Notare zur Gründungsversammlung im Leverkusener Chemiewerk zusammengekommen. Im holzgetäfelten Konferenzsaal des viktorianischen Verwaltungsgebäudes legen sie den Grundstein für den Neuanfang eines der größten deutschen Industrieunternehmen - das dank Aspirin in aller Welt bekannt ist.

Wer hätte das gedacht. Im Frühjahr 1945 ist in den Bayer-Werken noch niemandem zum Feiern zu Mute. Die Bombenangriffe der Alliierten haben Häuser und ein Viertel der Anlagen im Werk Leverkusen zerstört, die Produktion steht still. Und auch das mächtige Bayer-Kreuz, 72 Meter hoch, mit 2 200 Glühbirnen, strahlt nicht mehr über Leverkusen.

Fünfeinhalb Jahre liegen zwischen beiden Ereignissen, zwischen Furcht und Freude, Zukunftsangst und Optimismus. In diesen Jahren spielt die Geschichte des Kampfs um die Neuordnung der deutschen Chemie. Und es spielt die Geschichte vom Gezerre um die Überbleibsel eines Konzerns, über den die "New York Herald Tribune" einst schrieb, es sei "das mächtigste, skrupelloseste und verabscheuenswürdigste Unternehmen, das es je gegeben hat": die IG Farbenindustrie AG.

Die erblickt 1925 das Licht der Welt. Die deutsche Großchemie hat sich zur Fusion durchgerungen. Sie will damit dem wachsenden internationalen Konkurrenzdruck besser standhalten. Aus den drei Platzhirschen Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co, der Badischen Anilin und Sodafabrik Ludwigshafen (BASF), den Farbwerken vorm. Lucius & Brüning/Hoechst sowie kleineren Firmen entsteht der damals größte deutsche Industriekonzern - und einer der erfolgreichsten.

Die IG Farben gilt als weltweit führend in der Chemieforschung. In Hochzeiten beschäftigt sie 190 000 Menschen, die Gummi, Chemikalien Medikamente oder Seifenstoffe produzieren und in die Welt exportieren. Rund um Leverkusen schlägt das Herz des Pharmaverkaufs der IG: Die Farbenfabriken Bayer heißen "Betriebsgemeinschaft Niederrhein" der IG Farben, mit Werken in Leverkusen, Dormagen, Uerdingen und Wuppertal sowie einer Fotofabrik.

Die schiere Größe des Konzerns weckt im Ausland Furcht und Hass. Letzteres vor allem, seit die IG Farben eine immer bedeutendere Rolle in der Kriegsmaschinerie der Nazis spielt und Zehntausende Fremd- und Zwangsarbeiter einsetzt. Für die Alliierten, vor allem für die Amerikaner, wird die IG Farben schnell zum Sinnbild des deutschen "Kriegsverbrecherkonzerns". Und den wollen sie nach dem Sieg über Deutschland beschlagnahmen und in kleine Einzelteile zerlegen. "Wir werden die IG Farben in alle Winde zerstreuen", prophezeit 1945 der US-Senat in einem Bericht.

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