60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
BMW: Der dritte Mann und die Knutschkugel

Der Aufsichtsratschef hält das Ende schon für gekommen. Allerdings hat er nicht mit den Kleinaktionären gerechnet: Im Dezember 1959 retten zwei Nobodys und ein Millionär BMW davor, von Daimler-Benz gefressen zu werden.

MÜNCHEN. "Das Unternehmen verfügt seit der Währungsreform über keine Rentabilität. Seine Illiquidität hat ein Ausmaß angenommen, das man als gefährlich bezeichnen muss. Auch das derzeitige Programm der Gesellschaft gewährleistet keine nachhaltige Rentabilität - vielmehr bringt es mit Gewissheit weitere Verluste", eröffnet Aufsichtsratschef Hans Feith den versammelten Aktionären.

Seine Lösung: das Kapital um 70 Millionen Mark erhöhen und die neuen Aktien an den schärfsten Konkurrenten verkaufen. BMW, die stolze bayerische Automarke, würde von Daimler-Benz geschluckt. Der schwäbische Stern aus Stuttgart übernähme die Macht in München.

Nicht gerechnet jedoch hat Feith mit den Kleinaktionären, die sich an jenem 9. Dezember 1959 zur 39. und vermeintlich letzten Hauptversammlung der BMW AG eingefunden hatten. "Pfui!", "Absetzen!", "Staatsanwalt her!" tönt es unablässig durch die Münchener Kongresshalle.

Aufsichtsratschef Feith und BMW-Chef Heinrich Richter-Brohm können kaum einen Satz zu Ende bringen, ohne von der "wutentbrannten Masse", wie der Handelsblatt-Korrespondent die Aktionäre beschreibt, unterbrochen zu werden.

Nach über zwölf Stunden steht die Sensation fest: BMW bleibt bayerisch. Vorstand, Aufsichtsrat und Großaktionär Deutsche Bank müssen sich den Kleinaktionären beugen. Es ist nicht nur der erste große Sieg von Kleinaktionären über Großkapitalisten in Deutschland. Es ist auch der Tag der Wiederauferstehung von BMW, der Automarke, die das Wirtschaftswunder zunächst zu vergeuden drohte, die in den folgenden Jahrzehnten aber zu einer der profitabelsten der Welt wird - und zum Inbegriff von "made in Germany".

Drei Männern ist der überraschende Auftakt dieser Erfolgsgeschichte geschuldet. Zwei von ihnen sind bis dahin kaum bekannt: Erich Nold und Friedrich Mathern. Sie sind es, die im Dezember 1959 den Unmut der Aktionäre gegen den Plan von Aufsichtsrat und Vorstand stundenlang anfachen: Kleinaktionär Nold, Sohn eines Kohlenhändlers, hat sich Stimmrechte anderer Aktionäre übertragen lassen und verliest stundenlang Zeitungsartikel und Briefe frustrierter Aktionäre.

Dass Aufsichtsratschef Feith zugleich Vorstand von Großaktionär Deutsche Bank ist, macht es Nold leicht, die Aktionäre aufzuputschen. Der Saal wittert einen Interessenkonflikt: "Eine Treuhand wäscht die andere!" wird Feith entgegengebrüllt. Es ist ein Disput über "Corporate Governance", Jahrzehnte vor der Erfindung des Begriffs.

Aber das wortgewaltige Spektakel ist nur ein Ablenkungsmanöver. Nold will dem Rechtsanwalt Mathern, der die BMW-Händler vertritt, Zeit geben, per Telefon einen anderen Investor als Daimler aufzutreiben. Das gelingt zwar nicht. Doch mit einem Trick übertölpeln die beiden die Kapitalvertreter und verhindern den Verkauf von BMW an den großen Konkurrenten.

Erich Nold hat sich vorbereitet: Nach Paragraf 125, Absatz VII, des Aktiengesetzes kann eine Hauptversammlung mit nur zehn Prozent der Stimmrechte die Vertagung beschließen, wenn die Bilanz fehlerhaft ist. Und das ist sie: Der Vorstand hat die Entwicklungskosten für das neue 700er-Modell komplett in die Bilanz eingerechnet - wohl um die Lage des Konzerns dramatischer erscheinen zu lassen.

Leicht gewinnen Nold und Mathern die Abstimmung, der Ausverkauf von BMW ist gestoppt. Im Januar 1960 treten fast der gesamte Aufsichtsrat und auch der Vorstandschef zurück. BMW ist führungslos.

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