60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Borgward – Blitzkarren und Leukoplastbomber

Als 1970 im Mexiko der letzte Borgward vom Band läuft, endet die Erfolgsgeschichte eines der genialsten deutschen Autobauer: Carl Borgward. Der Grund für sein Scheitern: Der brillante Konstrukteur ist ein schlechter Kaufmann.

BERLIN. Ende Januar 1961 chauffiert Carl Borgward seine Frau Elisabeth durch den abendlichen Bremer Vorstadtwald. Da melden die 19-Uhr-Nachrichten von Radio Bremen: "Auf einer Pressekonferenz des Bremer Senats erklärte Wirtschaftssenator Karl Eggers, die Borgward-Werke seien erheblich verschuldet. Angesichts dieser Situation plane der Senat die Errichtung einer Auffanggesellschaft. Es würde nunmehr an Dr. Borgward liegen, der neuen Gesellschaft die Geschäftsführung zu übertragen." Borgward wendet seinen P 100, fährt sofort nach Hause und telefoniert seinen Vorstand zur nächtlichen Krisensitzung in seine Villa herbei.

Erheblich verschuldet? Auffanggesellschaft? Nach Volkswagen, Opel und Ford sind die Borgward-Werke das viertgrößte deutsche Automobilunternehmen, noch vor Mercedes-Benz. Im deutschen Verkehrsregister sind 421 000 Autos aus Bremen zugelassen.

Dennoch: Es ist zu spät für Borgward. Eine der spektakulärsten deutschen Unternehmerkarrieren des 20. Jahrhunderts geht tragisch zu Ende. Und eine der spektakulärsten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte nimmt ihren Lauf.

Carl Borgward muss sein Unternehmen nach zähen Verhandlungen an den Bremer Senat übergeben. Die Finanzprobleme des Autoherstellers sind damit allerdings nicht gelöst. Im Juli 1961 beträgt der Verlust 34 Millionen Mark: Die Borgward-Werke sind pleite. 17 000 Mitarbeitern wird gekündigt - mitten im Wirtschaftswunder. 1970 stirbt die Marke Borgward endgültig: In Mexiko läuft der letzte Borgward vom Band - es ist ein P 100 wie jener, in dem Carl Borgward 1961 von seiner Entmachtung erfährt.

Es ist das Ende der großen Geschichte vom Aufstieg und Fall des Carl Friedrich Wilhelm Borgward, eines Machers und Menschenfängers und Autonarren, der zugleich eigensinnig, unbequem und arrogant wirken konnte und der politische Ränkespiele und Small Talk hasste, der aber einige der bis heute berühmtesten Automobile aus deutscher Produktion entwickelte.

Carl Borgward wird am 10. November 1890 in Hamburg-Altona geboren. Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater, ein Kohlehändler, muss 13 Kinder ernähren. Schon als Kind bastelt Borgward aus einem Uhrwerk, einem Zahnradgetriebe und einer Zigarrenkiste ein selbstfahrendes Auto - 25 Jahre bevor die Spielzeugindustrie auf die Idee kommt, Autos mit einer Feder anzutreiben. Nach einer Schlosserlehre studiert Carl Borgward Maschinenbau. Und er arbeitet sich rasch nach oben: 1919 ist er Teilhaber der Bremer Reifen-Industrie-GmbH, eines 20-Mann-Betriebs, der Kühler und Kotflügel für den Luxuswagenhersteller Hansa-Werke fertigt.

Um den Materialtransport zwischen Lager und Werkstatt zu erleichtern, kommt Borgward 1924 auf die Idee, einen motorisierten Karren zu bauen. So entsteht Borgwards erstes Automobil - ein offenes Dreirad mit 2,2 PS und einer Ladekapazität von fünf Zentnern: der "Blitzkarren". Borgwards Teilhaber, der Kaufmann Wilhelm Tecklenborg, verkauft die Lizenz für den Blitzkarren an die Reichspost, die damit die Bremer Briefkästen leert. Der Wagen soll einen neuen Namen bekommen. Mitarbeiter schlagen "Lilliput" vor, aber Borgward denkt längst größer: "Nein, ,Goliath? soll er heißen." Vier Jahre später fährt eine ganze Generation von Gemüsehändlern, Bäckern, Bauern und Handwerkern "Goliath".

Bald will Borgward mehr. Mit den Gewinnen kauft er 1929 die Aktienmehrheit der Hansa-Lloyd-Werke. Carl Borgward expandiert weiter - zu schnell für seinen Partner Wilhelm Tecklenborg. Dem fällt es immer schwerer, Borgwards Launen mit der Finanzkraft der Firma in Einklang zu bringen. "Wer nicht schwindelfrei ist, der sollte nicht auf Berge klettern", spottet Borgward seinem Partner hinterher, als der 1937 aus der Firma ausscheidet. Mit 47 Jahren ist Borgward Alleininhaber der größten deutschen Autofabrik in Familienbesitz. Jemanden, der ihn beizeiten bremst und auf dessen Rat er hören muss, duldet er fortan nicht mehr an seiner Seite.

Auch politisch macht Borgward nicht viel Federlesen. 1938 tritt er der NSDAP bei. Das Geschäft brummt: Die Borgward-Werke beliefern das Nazi-Militär mit Zugmaschinen, Panzern und Torpedos. 1944 sind zwei Drittel der Borgward-Belegschaft Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Nach Kriegsende internieren die Amerikaner den einstigen "Wehrwirtschaftsführer" Carl Borgward.

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