60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
BTX – Abschied von Stern und Raute

1980 probiert die Bundespost im großen Stil ein neues Angebot aus: den Bildschirmtext (BTX). Der Vorläufer der heutigen Online-Dienste gibt einen Vorgeschmack auf das Internet. Der Durchbruch bleibt der Technik dennoch versagt.

HB BONN. Der Mann muss eine Weile in seinen Kellerschränken kramen, bis er seine Zukunftsvision wiederfindet. "Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das Ding noch habe", murmelt Eric Danke, während er einen weiteren Schrank öffnet, Zeitungsstapel zur Seite schiebt und allerhand technisches Gerät. Dann zieht er hervor, was er suchte: eine kleine, schwarze Tastatur. "BTX-TV" steht oben in einer Ecke, daneben ein Sensor, um die Tastatur via Infrarottechnik schnurlos mit einem eigens dafür aufgerüsteten Fernseher zu verbinden.

Unzählige Male saß Danke damit auf der Couch - vor seinem alten Loewe-Fernseher. Auf dem Schoß die schwarze Tastatur. So hat er elektronisch Briefe verschickt, Geschenke bei Quelle oder Neckermann bestellt und seine Banküberweisungen erledigt. Was im Internet-Zeitalter normal geworden ist, gehörte für den Nachrichtentechniker schon vor mehr als zwanzig Jahren zum Alltag. Bildschirmtext (BTX) machte es möglich.

Eric Danke ist der Vater des Bildschirmtextes. Wenn heute jemand über die unbegrenzten Möglichkeiten des allumfassenden weltweiten Datennetzes schwärmt, kann der inzwischen 67-Jährige nur müde lächeln. Vieles, was das Internet heute bietet, konnte seine Erfindung auch. Es gab einen Mitteilungsdienst, man konnte sein Bankkonto online führen, Reisen buchen, Bücher bestellen, Telefonnummern waren abrufbar, ebenso wie der Fahrplan der Bundesbahn - und das bereits seit 1980, als BTX-Pilotversuche starteten.

Drei Jahre später hat die Post das Angebot "in den Regeldienst übernommen", wie es im schönen Beamtendeutsch hieß. Am 1. September 1983 war es so weit - auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin.

Eric Danke hat den offiziellen Startschuss bis heute vor Augen. Er auf einem Podium sitzend, neben ihm der damalige Postminister Christian Schwarz-Schilling. Hinter Danke steht ein Mitarbeiter der Post in der traditionellen schwarzen Uniform mit goldenen Knöpfen und rotem Kragen, auf dem Kopf einen schwarz-goldenen Helm, geschmückt mit Hahnenfedern. Der Postler bläst in sein Horn, und Schwarz-Schilling steht auf und drückt auf einen großen, roten Knopf: über die Telefonnummer 01910 kommt die Verbindung in die Online-Welt zustande.

BTX geht bundesweit auf Sendung - mit großem Tamtam und noch größeren Erwartungen. In nur drei Jahren soll eine Million "Teleleser" das neue Kommunikationsmedium nutzen und sich mit Stern- und Raute-Taste durch das System klicken. Ende 1987 sind es aber noch nicht einmal 100 000.

Gründe für die geringe Akzeptanz der neuen Technik gibt es viele. "Wahrscheinlich war einfach die Zeit noch nicht reif", sagt Danke. Es habe erst die Computer-Generation heranwachsen müssen. Zudem ist die Anschaffung teuer, die Inhalte sind angesichts der Kosten nicht überzeugend, und die Post ist nicht in der Lage, ein funktionierendes Marketing auf die Beine zu stellen.

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