60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Daimler – Integriert und implodiert

Dürr willigt ein. "Dürr ist ein begnadeter Kommunikator, er schaffte es, Aufbruchstimmung bei der AEG zu erzeugen", sagt Peter Strunk, der Aufstieg und Niedergang der Industrielegende in einem Buch dokumentiert. Die AEG, 1883 in Berlin gegründet, ist Konzern und Symbol: Sie bringt den Deutschen die Glühbirne, die elektrische Straßenbahn, das Fernsehen und den Föhn. Doch anders als beim großen Konkurrenten Siemens Halske führten weniger Unternehmer, sondern Bankiers die Regie: Die AEG finanzierte ihre Expansion über Kredite, immer wieder. Vor allem der Wiederaufbau nach dem Krieg ist ein Aufstieg auf Pump: Die Produktpalette wächst, die Gewinne schrumpfen. 1972 warnt Finanzvorstand Johannes Semler seine Kollegen: "Wir dürfen uns keine Umsatzausweitung ohne höheres Ergebnis leisten. Unkontrolliertes Wachstum wird in der Medizin Karzinom genannt und führt im Allgemeinen zum Tode." 166 000 Menschen arbeiten zu diesem Zeitpunkt für den Konzern.

Die Kernkraft wird zum finanziellen Desaster. AEG bekommt die Siedewassertechnik nicht in den Griff, die Stromversorger nehmen den Konzern in Regress. 1974 wird die KWU an Siemens verkauft, dann auch der Glühbirnenhersteller Osram. Es reicht nicht: Ende der 70er kommt alles zusammen. Der Markt für Hausgeräte ist gesättigt, in der Bürotechnik hat man den Anschluss verloren. Hinzu kommt die schlechte Konjunktur. "Wir hatten zwölf Prozent Zinsen und fünf Milliarden Mark Schulden: Eigentlich hatte die AEG keine Chance", sagt Dürr heute.

Dürr zieht 1980 in die Konzernzentrale ein. "An meinem ersten Tag haben mir einige Unternehmensberater von AEG gesagt: ,In dem Schrank dort in Ihrem Büro stehen die gesamten Organisationsanweisungen, die müssen Sie lesen.? ,Was steht denn da drin?? habe ich gefragt. ,Perfekte Organisation!? ,Warum schreiben wir dann eine Milliarde Mark Verlust?? war meine Antwort." Geregelt war etwa, wie viele Tassen Kaffee einem Kunden beim Verkaufsgespräch zu kredenzen seien - ein Kännchen gab?s erst ab 500 000 Mark Umsatz.

Die AEG-Bilanz ist voller schwarzer Löcher. "Bei einem Gespräch mit Hans L. Merkle ging der in sein Arbeitszimmer und rechnet die Pensionsrückstellungen der AEG per Rechenschieber und Dreisatz aus", erinnert sich Heinz Dürr. Ergebnis: Der AEG fehlen zwei Milliarden Mark. "Die Pensionen hatte die AEG stets aus dem laufenden Geschäft finanziert." Dürr verkauft Perlen wie die Nachrichtentechnik, versucht den Konkurrenten General Electric zum Einstieg zu bewegen - vergeblich. Am 9. August 1982 meldet die AEG Vergleich an.

Edzard Reuter ist mit der Krise bei der AEG gut vertraut, Dürr hatte ihn in den Aufsichtsrat geholt. In Reuter reift die Idee, die Probleme der AEG und die Herausforderungen von Daimler-Benz gemeinsam zu lösen. 1984 provoziert Reuter eine Richtungsdebatte im Daimler-Vorstand. In einem Strategiepapier fordert der Finanzchef, die Unternehmensbasis auszuweiten, um der absehbaren Sättigung der Welt-Automärkte zuvorzukommen. Da ist, sagt Edzard Reuter heute, "die AEG, wenn auch unausgesprochen, bereits Teil meiner Überlegungen".

Reuter will Daimler zum Technologiekonzern machen, auch weil er voraussieht, dass Autos künftig immer mehr auf Elektronik angewiesen sein werden. Daimler soll nicht abgehängt werden, sondern vorausfahren: "Es ging mir auch darum, die Position von Daimler-Benz als Automobilhersteller gegenüber Bosch und Siemens zu stärken", sagt Reuter heute. In seinem Papier warnt er die Kollegen, die Geschichte sei "voll von den Trümmern großer Reiche".

Zuerst aber muss sich die AEG berappeln. Doch das Interesse der Deutschland AG an einer Rettung ist begrenzt. Da "sind viele drum herum gekreist, die Teile des Unternehmens haben wollten", sagt Dürr. Mannesmann, Siemens und auch Bosch haben - sekundiert von ihren Hausbanken - die Filets der AEG längst verteilt. "Schließlich enden ja 95 Prozent der Vergleiche im Konkurs", sagt Dürr. Nicht so jener der AEG: Weil der Bund eine Bürgschaft über eine Milliarde Mark bereitstellt, müssen auch die zwei Dutzend Gläubigerbanken mitspielen. Sie verzichten 1984 auf 60 Prozent ihrer Forderungen: 2,05 Milliarden Mark. Die AEG ist bereit für neue Abenteuer, und am Bodensee in Litzelstetten treffen sich zwei Herren zu einem Spaziergang.

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