60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Daimler – Integriert und implodiert

Am 15. Oktober 1985 verheiraten die beiden ihre jeweils fast genau 100 Jahre alten Konzerne. Reuter will, weil er die kulturellen Reibereien von Autobauern und Elektrotechnikern vorausahnt, zunächst nur 25 Prozent an der AEG übernehmen: "Eine Minderheitsbeteiligung hätte die Chance eröffnet, uns Schritt für Schritt kennen zu lernen." Und sie würde das Selbstverständnis der AEGler "nicht zerstören".

Aber Daimler-Aufsichtsratschef Alfred Herrhausen winkt ab, ganz oder gar nicht wird eingestiegen. Für 81 Prozent der AEG zahlt Daimler-Benz 2,5 Milliarden Mark. Daimler verdient in diesen Jahren klotzig: Der hohe Dollarkurs lässt die Gewinne in den USA sprudeln. Mit 58 Milliarden Mark Umsatz wird Daimler-Benz - nur wenige Monate zuvor hat der Konzern schon den Triebwerkshersteller MTU und den Flugzeugbauer Dornier geschluckt - der größte deutsche Konzern. Was soll der AEG da noch passieren?

Viel, zu viel. Schnell hat die AEG - langjähriger Werbespruch: "Aus Erfahrung gut" - einen neuen Spitznamen weg: "Anhang eines Giganten". Denn auch wenn nun Geld satt vorhanden ist für die Neuausrichtung der klammen AEG und Dürr, nun Vorstand bei Daimler-Benz, für die AEG zahlreiche Geschäftsfelder ver- und neue hinzukauft: Das Zusammen-wachsen will einfach nicht gelingen.

Selbstkritisch sagt Edzard Reuter, der 1987 Chef von Daimler wurde, heute: "Nach Treffen mit leitenden Angestellten sind, das war mein Ein-druck, immer 60 bis 70 Prozent der Leute nach Hause gegangen und haben gesagt: ,Die können uns viel erzählen, wir machen doch so weiter wie bisher.?" Vielleicht sind es auch die kleinen Wunden: AEGler erhalten nicht die konzernüblichen Rabatte auf Mercedes-Karossen.

Mitte der 90er-Jahre rutscht die AEG wieder in die Verlustzone. Mit "fast hilfloser Sorge", schreibt Reuter in seinen Erinnerungen, muss er Jahr für Jahr mit ansehen, wie die Ergebniserwartungen der AEG kippen. Die Integration misslingt.

Da ist Heinz Dürr schon weitergezogen - 1991 übernimmt er auf Drängen von Kanzler Helmut Kohl die Deutsche Bundesbahn. Und für Reuter ist die AEG stets nur ein Teil seines Riesenkonzerns - er muss sich schließlich auch um Fokker, Mercedes, die Nutzfahrzeuge, das Rüstungsgeschäft und später um die Dasa, Adtranz und Debis kümmern.

1996 beschließt die Hauptversammlung von Daimler die Auflösung der AEG. Der Daimler-Chef heißt da schon Jürgen Schrempp. Heute lebt der Name AEG nur noch als Marke. Das letzte große Werk in Deutschland, jenes für Hausgeräte in Nürnberg, wickelt der schwedische Konzern Electrolux gerade ab.

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