60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte
Daimler – Integriert und implodiert

Im Oktober 1985 kauft der Autobauer Daimler-Benz den einst größten Industriekonzern der Welt: AEG. Doch statt einen neuen deutschen Technologiekonzern zu begründen, endet das Projekt mit dem Codenamen "XYZ" im Desaster.

MÜNCHEN/BERLIN. Bedächtig geht es meist zu in Litzelstetten am Bodensee. Spaziergänger schlendern am Ufer entlang, Schwäne paddeln nebenher. Prominente bleiben unbehelligt und Gespräche vertraulich. Heinz Dürr und Edzard Reuter haben an jenem 1. September des Jahres 1984 das Örtchen ausgesucht, um "völlig unverbindlich" ein "Gesprächlein" zu führen, wie Ex-Daimler-Chef Reuter heute mit einem Hauch Koketterie sagt. Die beiden kennen sich seit Mitte der 60er-Jahre aus Stuttgart: Reuter ist ein junger Manager bei Daimler-Benz, Dürr führt den gleichnamigen Familienbetrieb für Lackieranlagen.

1984 gehören sie zu den Großen der deutschen Wirtschaftswelt. Reuter ist Finanzvorstand von Daimler-Benz, Deutschlands bestverdienendem Konzern. Dürr ist Vorstandschef der AEG, Deutschlands bekanntester Sanierungsfall. Der eine hat viel Geld und eine Vision, aber keinen Partner; der andere hat viel Technologie, aber kein Geld. Das Wasser des Bodensees öffnet den Blick für das große Ganze, und schwäbische Enge weicht globalen Ambitionen. In Litzelstetten beginnt die Geschichte der spektakulärsten Firmenübernahme der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Ein Jahr später, am 14. Oktober 1985, wird das Projekt mit dem Codenamen "XYZ" vollzogen: Der Autoriese Daimler-Benz kauft den Mischkonzern AEG.

21 Jahre später ist Reuter, 78, zu Gast bei Dürr, 73. Vor dessen Büro in Berlin liegt der Gendarmenmarkt in der sanften Septembersonne. Dürr kommt gerade vom Charity-Golfen mit den Fußball-Brüdern Hoeneß, Reuter freut sich auf den nächsten längeren Segeltörn. Bei Kaffee (für Reuter) und Pfeifentabak Marke Davidoff (für Dürr) ziehen die beiden Bilanz.

"AEG war für Daimler-Benz eine verpasste Chance", sagt Heinz Dürr über die Megafusion. "Reuters Idee war vom Grundsatz her richtig, aber wir haben es nicht hingekriegt." Wegen der unterschiedlichen Unternehmenskulturen, sagt Edzard Reuter, sei die Integration des Traditionskonzerns gescheitert: "Es gelang uns nicht, die internen Widerstände zu überwinden, zu erklären, wohin wir wollen und warum."

Die Geschichte von Daimler und AEG ist ein Lehrstück für jede Fusion. Sie erklärt, weshalb es so schwer ist, aus eins plus eins zwei oder gar drei zu machen. Und sie erklärt, dass kriselnde Unternehmen nicht nur Geld brauchen zum Überleben, sondern sich grundlegend ändern müssen. Die AEG war dafür wohl zu alt.

Am Anfang steht ein Traum. Geträumt hat ihn zunächst Edzard Reuter, aber Heinz Dürr teilte ihn bald: ein integrierter Technologiekonzern von Weltgeltung für Deutschland. Daimler, Deutschlands größter Industriekonzern, soll Kristallisationspunkt deutscher Spitzentechnologie werden - zu Lande, zu Wasser und in der Luft; bei Kraftwerken, Kühl-schränken und Kaffeemaschinen.

Draußen, außerhalb der heimeligen Bundesrepublik der 80er-Jahre, bahnt sich eine Revolution an: die Globalisierung. Mikroprozessoren schicken sich an, Hausgeräte ebenso wie Fabriken zu steuern. In Japan und Korea entstehen Konzerne, die von der Chipentwicklung bis zur Autoproduktion alles vereinen. Autobauer wie GM und Chrysler kaufen Flugzeugbauer wie Hughes und Gulfstream. Der Zeitpunkt scheint reif: Auch Deutschland soll so einen Global Champion erschaffen.

Einen, wie es die AEG einst gewesen war - Anfang des 20. Jahrhunderts war sie gar der größte Konzern der Welt. Mitte der 70er-Jahre ist sie so gut wie pleite. Retten soll sie Heinz Dürr. Der Spross einer schwäbischen Industriellenfamilie hat sich als Verhandlungsführer der Arbeitgeber in Baden-Württemberg in Tarifauseinandersetzungen mit der IG Metall einen Namen gemacht: Dürr sagt, was er denkt, er kann zupacken.

Eines Tages nimmt ihn der mächtige Bosch-Chef Hans L. Merkle zur Seite. "Merkle hat mir vorgeschlagen, die AEG zu führen", erzählt Heinz Dürr. ",Das muss ein Mittelständler machen?, hat er gesagt. Ich entgegnete: ,Aber Dürr setzt nur 350 Millionen Mark um, die AEG aber zwölf Milliarden. Das geht doch nicht!? Da hat Merkle geantwortet: ,Nein, das stimmt nicht, die AEG besteht auch nur aus lauter Firmen von der Größe Ihrer Firma.?"

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